Es ist frisch an diesem Oktobermorgen, obwohl die Sonne bereits ihre ersten wärmenden Strahlen über die Krete des Turettas-Massivs hinunter nach Valchava schickt. «Das ist besser für den Verputz», erläutert Mario Rodigari, «sonst trocknet er zu schnell». Jutebahnen, die über das Baugerüst gehängt wurden, bedecken die gesamte Hausfassade. Bei Wärme werden diese nass gespritzt, das senke die Temperatur darunter um etwa fünf Grad. Mario und seine beiden Mitarbeiter, Horst und Mikael von der Malerei Greiner aus Sta. Maria, sind dabei, die Fassade eines älteren Hauses mit Sgraffiti zu erneuern. Sie verwenden auf Wunsch des Hausbesitzers einen Naturverputz, wofür drei Teile Sand mit einem Teil Kalk sowie wenig Weisszement vermischt werden. Der Kalk stammt vom Kalkkünstler Johannes Wetzel aus Strada, der nur nachhaltiges Baumaterial von höchster Qualität verarbeitet (kalkkunst.ch).
Mario Rodigari zeichnet freihändig, die Motive hat er im Kopf. Ein Metermass, eine Wasserwaage, ein spitzer Nagel zum Einritzen und ein Zirkel für die runden Motive sind seine einzigen Hilfsmittel. Während Horst und Mikael den grauen Verputz mit der flachen Kelle gleichmässig auf die Fassade auftragen, beginnt Mario bereits mit dem Einritzen der Motive – den Sgraffiti. «Al fresco» nennt man dieses Vorgehen, solange der Verputz noch frisch ist. Die Flächen, die weiss werden sollen, werden nachträglich sorgfältig mit dem Pinsel angemalt. Eine andere Methode besteht darin, mehrere Schichten unterschiedlich gefärbter Putze oder Farben übereinander aufzutragen und die oberste Schicht abzukratzen, um die darunterliegende Schicht freizulegen. Von dieser Technik stammt auch der Begriff «Sgraffito», der sich vom italienischen Wort sgraffiare ableitet, was übersetzt «kratzen» bedeutet.
Sgraffito – ein Kunsthandwerk
Die Sgraffito-Kunst soll schon früh im 14. Jahrhundert in Italien ausgeübt worden sein und ist Mitte des 17. Jahrhunderts in die Schweiz gekommen. Im Unterengadin und im Val Müstair verleihen die mit Sgraffiti verzierten Häuser den Dörfern auch heute noch ihren ureigenen Charakter. Diese alte Handwerkskunst ist nicht nur Zierde, sondern auch Ausdruck regionaler Identität. In einer Zeit, in der viele Fassaden durch industrielle Verfahren gestaltet werden, ist das Sgraffito ein sichtbares Zeichen für gelebte Tradition und handwerkliche Hingabe.
Wer mit offenen Augen durch das Val Müstair oder das Unterengadin spaziert, dem fällt schnell auf, wie viele der Häuserfassaden kunstvoll mit Sgraffiti verziert sind. In den Dörfern erzählen diese Ritzzeichnungen nicht nur vom handwerklichen Können, sondern auch vom kulturellen Hintergrund. Geometrische Muster, stilisierte Sonnenräder, florale Ornamente, religiöse Symbole oder romanische Hausinschriften, sie alle haben ihre eigene Bedeutung, oft eingebettet in der Geschichte der Familie, die das Haus bewohnt oder bewohnte.
Ein Rundgang durch die alten Dorfkerne gleicht einem Spaziergang durch ein offenes Bilderbuch. Besonders in den Morgen- und Abendstunden, wenn das Licht die Fassaden streift, treten die feinen Strukturen der Sgraffiti eindrucksvoll hervor. Viele dieser Verzierungen sind über hundert Jahre alt. Manche wurden restauriert, andere mit grosser Sorgfalt neu geschaffen, wie das Haus, an dem Mario Rodigari und sein Team gerade arbeiten. Die Kunst des Sgraffito ist dabei weit mehr als Dekoration, sie ist Ausdruck der engen Verbindung zwischen Mensch, Baukultur und Landschaft. Sowohl im Unterengadin als auch im Val Müstair wurde über Generationen hinweg ein eigener Stil gepflegt, der bis heute weiterentwickelt wird – stets mit grossem Respekt vor der Tradition.
Motive und ihre Bedeutung
Wer sich intensiver mit den Sgraffiti beschäftigt, stellt fest, dass es sich dabei nicht nur um schmückende Elemente handelt, sondern oft um ausdrucksvolle Botschaften. Viele Motive entstammen einer Symbolsprache, die über Jahrhunderte weitergegeben wurde. So steht das Sonnenrad für Licht und Leben, der Lebensbaum für Fruchtbarkeit und Beständigkeit, und ineinander verschlungene Bänder symbolisieren die Verbindung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – oder ganz konkret: die Familie.
Auch christliche Symbole wie das IHS-Monogramm oder stilisierte Kreuze finden sich häufig. Bei grossen Fassadenflächen werden gerne die Hausecken mit geometrischen Mustern betont sowie Türen und Fenster umrahmt, manchmal ergänzt durch die Jahreszahl des Baus oder der Renovation. An vielen Häusern, meist unter dem Dachbalken, fällt das Doppel-Wellenband auf. Das Auf und Ab der Wellen symbolisiert Werden und Vergehen, Leben und Tod, Ewigkeit. Im Volksmund wird dieses Wellenband «Laufender Hund» genannt, besonders dann, wenn die einzelnen Wellen voneinander getrennt sind und an etwas «Laufendes» oder «Springendes» erinnern (Quelle: siehe Literaturhinweis im Infokasten). In manchen Häusern erzählen eingeritzte Hausinschriften kleine Geschichten oder geben Lebensweisheiten weiter, meistens in romanischer Sprache. Die Motive können sich von Haus zu Haus unterscheiden, ähneln sich aber oft in ihrer Grundstruktur – ein stiller Hinweis auf eine gemeinsame kulturelle Prägung im Tal. Sgraffiti-Muster werden oft auch auf Hausfassaden aufgemalt, insbesondere die geometrischen Hausecken, Fensterumrahmungen oder dekorativen Motivbänder. Aus der Ferne sind diese kaum von echten Sgraffiti-Techniken zu unterscheiden. Doch bei genauerem Hinsehen zeigen sich die Unterschiede in Tiefe, Struktur und Ausführung.
Sgraffito lernen – Tradition weitergeben
Wer beim Anblick der kunstvollen Fassaden Lust bekommt, selbst zum Werkzeug zu greifen, hat dazu in der Region durchaus Gelegenheit. Es werden Kurse angeboten, in denen die Technik des Sgraffito vermittelt wird – von der Herstellung des Verputzes bis hin zum freien Zeichnen und Einritzen der Motive. Der Maler Josin Neuhäusler bietet seit vielen Jahren Kurse und Workshops in seiner eigenen Werkstatt in Susch an (siehe Infokasten).
Die Angebote richten sich sowohl an Einsteiger*innen als auch an Kunsthandwerker*innen, die sich vertieft mit der jahrhundertealten Methode auseinandersetzen möchten. Nicht selten reisen diese von weither an, um die Sgraffiti-Kunst zu erlernen.
So lebt das Sgraffito weiter – nicht nur an den Häuserwänden, sondern auch in den Händen einer neuen Generation.