Wenn Dennis Ulayayi am Freitagabend das Jugendzentrum in Tschierv aufschliesst, ist es, als habe er diesen Schlüssel schon sein Leben lang in der Hand gehalten. Dabei ist er erst seit wenigen Wochen offiziell Leiter – ein Amt, das ihm von der Gemeinde Val Müstair vertrauensvoll übertragen wurde und ihm die Jugendlichen genauso zutrauen wie deren Eltern. Der Umgang mit jungen Menschen bereitet ihm Freude, Erfahrungen gesammelt hatte er schon in seiner Heimat Sambia, als er bei einer Organisation für HIV-Prävention an Schulen tätig war.
Man kennt Dennis Ulayayi im Val Müstair. Einerseits, weil er als einziger Afrikaner im Tal auffällt, andererseits, weil er sich in der Gemeinschaft einbringt. Er spielt aktiv beim «Club da ballapè Val Müstair» und trainiert dort auch die Kinder. Mit seinem Alphorn ist er weit über das Tal hinaus bekannt – wohl als einziger Alphornspieler der Schweiz mit afrikanischen Wurzeln. Brennt es im Val Müstair, rückt auch er mit der Feuerwehr aus. Dabei hätte kaum jemand erwartet, dass der junge Mann, der aus dem südlichen Afrika ins Val Müstair kam, einmal so eng mit dem Tal verbunden sein würde. Seine Geschichte beginnt weit weg von Alphornklängen und Schneegipfeln – in einem Land, in dem die Kindheit nicht immer leicht und tägliche Nahrung und Gesundheit nicht selbstverständlich waren.
Village boy – Dorfjunge
Dennis erzählt gerne von seiner Kindheit, obwohl die Umstände oft schwierig waren. «Ich wurde im Juni 1983 als zehntes Kind meiner Eltern Elison Ulayayi und Rosemary Kwaramba in Chikuse, einem kleinen Buschdorf in Sambia, geboren. Meine Eltern gaben mir den Namen meines Vaters: Elison. Mein Vater war Farmer, besass Ziegen, Hühner, sogar einige Kühe und baute Mais und etwas Gemüse an. Wir waren Selbstversorger. Was wir nicht zum Essen brauchten, verkauften wir auf dem Markt. Wir lebten in sehr einfachen Verhältnissen. Mein Zuhause war ein kleines Haus aus Ziegelsteinen mit zwei Räumen. Um mehr Felder zu besitzen, heiratete mein Vater nach meiner Mutter drei weitere Ehefrauen, was in den Achtziger- und Neunzigerjahren nicht aussergewöhnlich war», erklärt er. «Aus diesen vier Ehen entsprang eine Schar Kinder, hungrige Mäuler, die mein Vater alle ernähren musste.»
Dennis musste früh lernen, mit Verlust umzugehen. Seine Eltern bekamen zusammen zwölf Kinder, heute leben noch drei. Bis auf einen Bruder sind alle im Kindesalter an Krankheiten oder bei der Geburt gestorben. Malaria war tödlich, denn Medikamente oder gar ein Arztbesuch waren unerschwinglich, ein Krankenhaus weit entfernt.
Auch erinnert er sich lebhaft an eine ausgedehnte Hungersnot. Es herrschte Dürre, monatelang fiel kein Regen. Der Mais vertrocknete und die Tiere verdursteten. «Mit knurrendem Magen ging man schlafen, mit knurrendem Magen stand man auf und versuchte tagsüber, etwas Essbares zu bekommen, was aber nie ausreichend war.» Der Schulbesuch war keine Selbstverständlichkeit, da das Geld fehlte. Mit viel Eigeninitiative, Durchhaltewillen und einer kleinen Schummelei schaffte er es jedoch, sowohl die Grundschule als auch das College zu absolvieren und schlussendlich mit einem Tourismus-Fernstudium abzuschliessen. «Als ich nach einem längeren Unterbruch wieder zur Schule durfte, war ich für meine Stufe zu alt. Also änderte ich kurzerhand mein Geburtsjahr auf 1984 und zugleich auch meinen Namen von Elison zu Dennis.» So steht es auch in seinem Pass. Möglich war das nur, weil seine Eltern weder lesen noch schreiben konnten und die Kinder nirgends registriert waren.
2013 lernte er in Sambia Stephanie aus dem Val Müstair kennen. Durch sie kam er in die Schweiz. Es war ein kalter Novembertag, als er auf dem Ofenpass aus dem Auto stieg und zum ersten Mal Schnee in seinen Händen hielt. Schon der erste Blick auf das vor ihm liegende Tal verlieh ihm ein gutes Gefühl und er wusste, dass er hier heimisch werden konnte.
Heute, elf Jahre später, öffnet er nicht nur die Türen des Jugendzentrums, sondern längst auch die Herzen der Menschen im Tal.