Eigentlich ist er Quelle des Lichts und der Freude – der Weihnachts- oder Christbaum. Nicht selten gibt er aber auch zu ausgeprägten Diskussionen Anlass, meist noch vor Inbetriebnahme. «Muss die Spitze unbedingt bis unter die Decke reichen oder würde es auch ein kleinerer Baum tun, den man zwecks besserer Sichtbarkeit halt auf einen Sockel stellen muss? Sollen die Äste schön regelmässig um den Stamm verteilt sein oder machen gelegentliche Pausen nichts?» So lauten Fragen, die den Familienfrieden durchaus kurzfristig ins Wanken bringen können.
Eigene und fremde Bäume in Zernez
Je nachdem, wo der Baum gekauft werden soll, sind dies aber auch Fragen, die es unbedingt vorgängig zu klären gilt. Denn noch immer gibt es Gemeinden, die Bäume direkt aus ihrem Wald anbieten – zum Beispiel Zernez. Dabei würden nicht «die Bäume für die Zukunft» als Christbäume herausgeschnitten, wie ein Forstmitarbeiter der Gemeinde Zernez erklärt, sondern eben eher jene, denen man forsttechnisch keine Chancen mehr gibt. Sprich, diejenigen, die ein wenig krumm gewachsen sind, gewogen und für zu leicht oder klein befunden wurden oder deren Äste unregelmässig verteilt sind. Zernez begegnet diesem Dilemma, indem der Forstbetrieb auch noch Bäume aus einem Forstgarten im Kanton Thurgau bezieht und diese dann weiterverkauft. Rottannen und Nordmanntannen sind dies, und wohlgeformt sind sie auch. Insgesamt würden rund 150 bis 200 Bäume verkauft, eigene und solche aus dem Thurgau. Auf keinen Fall dürfe man versuchen, das angesprochene Dilemma selbst zu lösen und sich mit der Säge in den Wald aufmachen, um selbst Bäume zu schneiden, heisst es vom Forstamt. Dies ist verboten.
Schüler schneiden in Valsot
Ausser man wohnt in Valsot, dort organisiert die Gemeinde mit den Schülerinnen und Schülern einen Weihnachtsbaumschnitttag im Wald – während der Unterrichtszeit. Sehr zur Freude der Kinder, wie Mario Denoth, Chefförster von Valsot bekennt. Die selbst geschnittenen Bäume sind gratis, ansonsten kosten sie CHF 10.00. Eher günstig, weil eben auch «nicht ganz so schön wie die beim Coop», begründet Denoth.
Wegen mangelnder Schönheit respektive fehlendem Absatz verzichten Scuol und Samnaun schon lange auf den Verkauf von eigenen Bäumen. In Scuol käme, so Forstchef Antonin Hugentobler, noch das Problem der sehr grossen Gemeinde dazu. Weil diese zu viele Bäume bräuchte, überlassen sie den Verkauf den Privaten oder Detaillisten.
Samnaun verkauft zwar Christbäume, allerdings keine eigenen, sondern solche, die sie ebenfalls aus dem Kanton Thurgau beziehen.
Im Val Müstair ist der Christbaumverkauf etwas wetterabhängig, wie es heisst. Liegt so viel Schnee, dass der Zugang zu den «reifen» Bäumchen nicht mehr möglich ist, bietet die Gemeinde als Ersatz ebenfalls solche aus Plantagen an.
Aber vielleicht muss es gar nicht mehr ein lebender Baum mit fallenden Nadeln sein. Dann böte sich der «alternative» Christbaum der Schreiner an. Dieser besteht aus verschieden langen Latten, die auf einer Gewindestange aufgereiht werden. Versehen mit Kerzen, steht er der originalen Variante in nichts nach und kann jedes Jahr wiederverwendet werden. Zudem erstickt die ein- oder verstellbare Höhe jegliche Diskussionen im Keim.