Ist das nun die Glocke von Gonda oder nicht?
Ist das nun die Glocke von Gonda oder nicht? © Jürg Wirth

Die Glocke von Gonda

Jürg Wirth Im Chor der Kirche Lavin befindet sich eine Glocke aus dem Jahr 1469. Stammt sie nun aus der Kirche der aufgegebenen Siedlung Gonda oder doch «nur» aus der Kirche Lavin? Eine Spurensuche.

Die Kirche Lavin verfügt über fünf Glocken. Vier davon sind in Betrieb, eine steht im Chor und erinnert an die aufgegebene Siedlung Gonda zwischen Lavin und Guarda. So zumindest die Meinung der Einheimischen, die ihr den Namen «sain da Gonda», Glocke von Gonda gegeben haben. Wenigstens diejenigen, die noch in die Kirche gehen, und davon gab es auch schon mehr. 

1573 zum Beispiel. Damals, so beschreibt Ulrich Campell in «Das alpine Rätien», sei die Bevölkerung von Lavin gemeinsam mit der von Gonda in Massen in die Laviner Kirche geströmt. Pünktlich, beflissen und fromm wie sonst nirgends. Andächtig hätten sie den Gottesdienst gefeiert und dem Wort Gottes gelauscht. Philipp Galicius, der bereits im Jahre 1529 in Lavin als erste Gemeinde des Engadins den reformierten Glauben einführte, predigte nicht nur den Protestantismus, sondern hielt seine Schäfchen auch dazu an, bereits vor dem letzten Glockenschlag des Geläutes in der Kirche anwesend zu sein. Die Gläubigen nahmen dies ernst und denen, welche die letzten Meter rennend zurücklegen mussten, um pünktlich anzukommen, sei der Schweiss jeweils in Strömen von den Gesichtern geflossen. 

Die Kirche von Gonda

Weiter berichtet Campell aber auch, dass die Leute von Gonda zwar zur Kirchgemeinde von Lavin gehörten, jedoch auch selbst eine Kirche hatten. Früher sei dort regelmässig die Messe gelesen worden, jetzt predige lediglich noch ab und an der Pfarrer von Lavin dort. Zu sehen ist diese Kirche auch heute noch, allerdings nur noch die Mauern, welche bei der Ausgrabung von Gonda freigelegt und restauriert worden sind. 

Und aus eben dieser Kirche soll die eingangs beschriebene Glocke stammen. Eine kleine Tafel an der Wand dahinter datiert sie auf das Jahr 1469 und gibt als Giesser Hans Heri Isen aus Tesin an. Tesin, so vermutet der Kunstführer, dürfte das heutige Tesimo/Tisens im Südtirol sein und nicht das Tessin. Dass die Glocke einst im Laviner Kirchturm läutete, ist ebenfalls belegt. 1918, so der weitere Text, sei sie dann durch eine neuere ausgetauscht und in den Chor gestellt worden. Nebst den neueren Modellen im Turm schlägt aber auch jetzt noch eine Glocke aus dem Jahre 1568 die ganzen und halben Stunden.

Allein der Kunstführer ist skeptisch, was die Herkunft der Chorglocke betrifft. Nott Caviezel, der Autor, tut die Geschichte als Legende ab, die historisch nicht zu belegen sei. Schade eigentlich, klingt das Ganze durchaus glaubhaft – und Glaube kann bekanntlich Berge versetzen und vielleicht auch Glocken.

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