Um ein Jubiläum oder nur schon Geburtstag zu feiern, muss man das Geburtsdatum wissen – nicht nur bei Menschen, sondern beispielsweise auch beim ALLEGRA. Denn immer mal wieder steht der Gedanke im Raum, eine zünftige Jubiläumsparty auszurichten, aber eben, wann ist denn das Magazin auf die Welt gekommen?
Erste Nachfragen beim ehemaligen touristischen Schwergewicht und mittlerweile Gedächtnis des hiesigen Tourismus, Rolf Zollinger, bringt schon mal Erfreuliches zutage. Zollinger hat in seinem Privatarchiv noch Ausgaben des Gästeblattes Scuol Tarasp Vulpera, welches getrost als Vorläuferin des ALLEGRA gewertet werden kann. 24. Jahrgang, Nr. 2, 5. Juni 1969 steht auf der vorliegenden Ausgabe. Heisst also das Gästeblatt existiert seit 1969 minus 24, also seit 1945, was durchaus Sinn macht, denn vorher war den Leuten eher nicht so ums Reisen zumute.
Gästelisten, Ausflugsziele, Inserate
Das Gästeblatt erschien im A4-Format und zählte 20 Seiten. Gästeblatt hiess es, weil tatsächlich alle Gäste aufgeführt waren, die zum Erscheinungsdatum in den jeweiligen Hotels logierten. Lediglich beim Hotel Hohenfels fehlt ein Eintrag und das Sporthotel Milo Bigler oder das Grand Hotel + Kurhaus Bad Tarasp veröffentlichen keine Gästeliste, wie geschrieben steht. Dafür lohnt sich ein Blick auf die Listen der anderen Häuser, von denen viele heute gar nicht mehr existieren. Gräfinnen und Grafen haben zu jener Zeit noch im Unterengadin logiert, eine Frau Generaldirektorin, Herr und Frau Generalkonsul oder auch ein Polizei-Kommandant. Letzterer dürfte an der 60. Konferenz der Polizeikommandanten der Schweiz, Kommandantin gabs damals noch keine, teilgenommen haben, welche am 10. und 11. Juni «in unserem Kurort zusammentreffen» wie es im Editorial des Gästeblattes hiess. Die Gästeschar stammte aus der ganzen Schweiz, aus Deutschland, aber auch Grossbritannien (London), Irland oder Argentinien. Empfohlen wurden ihnen beliebte Ausflugsziele wie das Restaurant Avrona, das Süsom Givè oder die Pension-Restaurant Muttler in Tschlin. Allerdings bot sich ihnen auch die Möglichkeit, an den «Kollektiv-Wanderungen und Botanischen Exkursionen» begleitet von Jon Vonmoos, a. Sekundarlehrer teilzunehmen. Und die Programme waren durchaus sportlich, Clozzaschlucht-Flöna-Scuol gehörte mit einem halben Tag zu den kleineren Ausflügen, Scuol-Ardez-Ruine Steinsberg, Ofenpass-Tamangur-S-charl oder gar Tarasp-Alp Laisch-Crap Putèr-Mottana waren durchaus sportliche Wanderungen.
Das Heft bestand nebst den Gästelisten und Ausflugstipps aus vielen, vielen Inseraten, kein Vergleich zum heutigen Verhältnis zwischen Text und Werbung. Doch inserierte beispielsweise Guldener Pullovers und gab als Adressen ihrer Läden «Vulpera beim Waldhaus» und «Zürich, Bahnhofstrasse 14» an. Auch die Inserate lesen sich wie ein kleines Geschichtsbuch und zeugen von Sein und Vergehn der zahlreichen Geschäfte und Betriebe. Text beinhaltete das Gästeblatt aber schon auch, immer nur einen längeren und gehaltvollen. In der beschriebenen Nummer resümiert Christian Fanzun sen. Beispielsweise ausführlich über den «Abschied von einem kulturhistorischen Baudenkmal», der alten gedeckten Holzbrücke von Tarasp. Sie musste damals der heute noch bestehenden Betonbrücke in Nairs weichen.
Fundgrube Kulturarchiv
Alles schön und gut und interessant, aber eigentlich geht’s ja ums ALLEGRA respektive um dessen Geburtsjahr. Zollinger hat noch einen weiteren Tipp auf Lager: «S-chadatsch». In S-chadatsch, zwischen Ramosch und Martina gelegen, dies für Nicht-Eingeweihte, befindet sich das «Archiv Cultural Engiadina Bassa», kurz ACEB. Eine wahre Fundgrube für Freundinnen und Freunde der Geschichte des Unterengadins. Bezüglich Öffnungszeiten, vorhandenem Material und Onlinesuche orientiert man sich am besten hier: archivcultural.ch
Nach einem kurzen Telefonat mit Beat Hofmann, einem der Mitarbeiter des Archivs, stand ein Termin. Vor Ort führte er den Besuch zu den richtigen Regalen. Reihenweise ALLEGRAS, die älteren Ausgaben jährlich zu einem Buch gebunden, die neueren heftweise gebündelt. Eine wahre Freude und nur noch ein kleiner Schritt zur Lösung des Rätsels, respektive ein Griff nach unten links im Regal. Ein Papierband umschliesst dort fünf schmale Hefte, diese herausgezogen und ausgebreitet und – Trommelwirbel –, die Hefte heissen ALLEGRA und das erste weist den Jahrgang 1969 auf. Heisst das Informations- und Gästemagazin, wie es heute heisst, feiert 2029 den 60. Geburtstag, zeitgleich mit dem Autor, notabene.
Eintauchen in vergangene Zeiten
Der Druck der Suche fällt ab und weicht der Freude übers Eintauchen in die alten Hefter. Als erstes fällt auf, dass die Auswahl des Titelbildes damals noch anderen Kriterien unterlag als dies heute der Fall ist. Auch diese Ausgaben sind eher anzeigenlastig, warten aber auch mit Informationen zu Kurmitteln und deren Indikationen auf, beschrieben von der Ärztegesellschaft Bad Scuol-Tarasp-Vulpera. Auch die Heilanzeigen hatten ihren fixen Platz und natürlich das Verzeichnis der praktizierenden Ärzte vor Ort. Lumpen lassen hat man sich damals nicht und die Sommer- und Winterausgaben je mit einer passenden, ausklapp- und auffaltbaren Karte, entweder zu den Ski- oder Wandergebieten bestückt. Aufgefallen ist noch das Einlageblatt im Heft vom Sommer 1971. Dort machen die Bergbahnen auf den Bau der zweiten Gondelbahn nach Motta Naluns aufmerksam und erwähnen ebenfalls den neuen Skilift Champatsch, welcher den Betrieb auf die Wintersaison 1971/72 aufnehmen soll. Textlich hat man damals auch mal über den Tellerrand, respektive die Landesgrenzen hinausgeschaut und sich dem Veltlin gewidmet, als Redaktionsleiter zeichnete zu der Zeit Jon Feuerstein. Insgesamt 20 Jahre und 370 Ausgaben lang arbeitete Feuerstein für das ALLEGRA, viermal hat er dabei auch das Erscheinungsbild geändert, zunächst auf ein breiteres, quadratisches Format, welches heute immer noch Bestand hat. Dort kamen die Anzeigen noch besser zur Geltung und beeindrucken aus heutiger Sicht, respektive lassen erahnen, dass es durchaus mondän zu und her gegangen ist, «säbizit». Davon zeugt die Werbung für das Hotel «Haus Paradies Ftan». Zu den Gästen hätten König Juan Carlos, Königin Elisabeth oder die Indische Ministerpräsidentin Indira Gandhi gehört. Gespiesen dürften sie Hummer und Austern aus dem Meerwasserbassin oder dann halt Forellen und Flusskrebse aus dem Süsswasserbassin, etwas Exklusives aus dem à la carte Angebot und dazu ein «grosser» Wein. Gastgeber war damals Roland Jöhri.
Und apropos Änderung des Erscheinungsbildes. Obwohl Feuerstein ab und an für seine Arbeit angefeindet wurde, vor allem, weil er dem Massentourismus nicht das Wort redete und sich für eine sanftere Variante einsetzte, dürften seine Wechsel des Erscheinungsbildes kaum einen so grossen Wirbel ausgelöst haben, wie derjenige im Jahre 2003. Plötzlich kam das Heft im Tabloid-Format daher, mit komplett neuem Layout und anderen Inhalten. Der Sturm der Entrüstung war gewaltig und hallte durch Zeitungen und Gassen. Deshalb sah sich das Team, welche die neue Erscheinung verantwortete, dazu gezwungen, die Segel zu streichen und sich wieder aufs alte Format zurück zu besinnen.
Es folgten diverse Redaktionsleiterinnen und -Leiter, unter anderem Pascal Kohl, Sandra Schweizer, Hans Peter Sinniger und im Jahre 2007 dann auch der Schreiber dieser Zeilen.
Die Zeiten änderten, der Tourismus änderte sich, Dancings verschwanden aus den Dörfern, Hummer von der Speisekarte. Regional heisst heute die Stossrichtung beim Essen und Sport, Erholung und Ruhe diejenige beim Tourismus. Interessant wird sein, wie die heutigen Ausgaben dereinst beurteilt werden, wenn sie auch im Archiv liegen und – in noch etwas kürzerer Zukunft, wie sich das Fest zum 60. Geburtstag des ALLEGRA gestaltet, jetzt wo das Geburtsjahr bekannt ist.