Bauer ist Duri Stecher mit Leib und Seele.
Bauer ist Duri Stecher mit Leib und Seele. © zvg

Dirigieren, musizieren und bauern

Jürg Wirth Duri Stecher aus Lavin ist Bauer, aber vor allem auch begnadeter und passionierter Musiker und Dirigent in verschiedenen Lebenslagen.

«Da gibt’s den grossen Pferch für den Lenz, hier auf der Seite machen wir die zwei kleineren für die andern.» Duri Stecher steht inmitten der Laviner Bauern und verleiht den Worten, mit seinen langen Armen gestikulierend, Nachdruck. Am nächsten Tag kommen die Schafe von der Alp und die Bauern wollen sie in den Zäunen nach Besitzer sortieren.
Stecher gibt Anweisungen, weil er Alpchef ist und Bauer – mit Leib und Seele – aber längst nicht nur.
Zu Hause hatten sie einen kleinen Betrieb mit Schafen und Ziegen und Duri hätte am liebsten Landwirt gelernt. Doch die Eltern empfahlen im erst «etwas richtiges zu machen», also lernte er Automonteur in Trimmis. 
Lehre und die Arbeit danach bei Auto Tecnic in Ardez haben ihm sehr gut gefallen und noch heute kann er praktisch alle seine Maschinen selbst reparieren. Während der Ardezer Zeit begann er wieder mit Bauern, hielt Schafe und Ziegen und freute sich nach der Arbeit in der Werkstatt auf seine Tiere. 
Auch gefreut hat er sich jeweils aufs Hockey. Begonnen während der Lehre in Trimmis und zurück im Tal ab 1994 beim Club da Hockey Sent, dannzumal die erste Adresse im Unterengadiner Hockey. Kofler, Benderer oder Castelazzi hiessen die Spieler, welche Stecher aus dem Tor heraus dirigierte. Er war Torhüter, von Anfang an, zu Beginn mit selbst gebastelten Schonern aus Schaumgummi. Er dirigierte gut, hielt noch besser und Sent stieg von der dritten in die zweite Liga auf. Der Wirkungsradius wurde grösser und die Anfahrten länger. «Wir hatten jedes Wochenende Match und oft kehrten wir erst gegen zwei oder drei Uhr nachts heim,» beschreibt Stecher seine Hockeyzeit. Weil kaum mehr Zeit für anderes blieb, entschloss er sich, Stock und Ausrüstung in die Ecke zu stellen. Bei den Senioren habe er danach noch etwas gespielt, aber mehr zum Plausch. 
 

Duri Stecher mit dem Es-Bass (zweiter von rechts) bei Proben im Militärspiel.
Duri Stecher mit dem Es-Bass (zweiter von rechts) bei Proben im Militärspiel. © zvg

Die Liebe des Lebens

Doch Duri Stecher ist keiner, der nur zu Hause sitzt und Däumchen dreht, deshalb rückte bald seine grösste Liebe an die Stelle des Hockeys. Das war anfangs der 2000er Jahre eine junge Frau aus Lavin. Sie zogen in Duris Elternhaus in Ardez und gingen ihren angestammten Berufen nach. Weil Madlainas Vater und ihr Onkel in Lavin zwei Bauernhöfe hatten und keine familieninterne Nachfolge, ergab sich plötzlich die Möglichkeit, einen Betrieb zu übernehmen. So trat Duri nach reiflichen Überlegungen und Bedenkzeit in eine Betriebsgemeinschaft mit den beiden Bauern ein. Nach fünf Jahren Zusammenarbeit übernahmen Duri und Madlaina im Jahre 2012 den Betrieb komplett. Der Hof ist mittlerweile ein gut aufgestellter Familienbetrieb, auf dem auch die beiden Söhne mithelfen. Doch da war schon immer auch noch eine andere grösste Liebe – die Musik. Sie begleitet ihn bereits sein ganzes Leben lang. Ohne Musik könne er nicht sein, sagt er. 
 

Von der Dirigentenausbildung direkt zum Dirigieren: Hier die Musikgesellschaft Ftan.
Von der Dirigentenausbildung direkt zum Dirigieren: Hier die Musikgesellschaft Ftan. © zvg

Musizieren und dirigieren

So richtig begonnen hat’s in der vierten Klasse. Der ältere Bruder habe bereits ein Instrument gespielt, da hätten er und sein Zwillingsbruder mit Trompete begonnen – mit einer Trompete für beide. Sie hätten sich gegenseitig gepuscht, erzählt Duri schmunzelnd, sobald der eine einen neuen Ton beherrschte, übte der andere noch mehr. In der siebten Klasse traten sie der Jugendmusik bei und Duri wurde auf der dritten Stimme eingeteilt. Bald empfahl ihm der Dirigent aber, aufs Euphonium zu wechseln. Nun war es richtig Musik und Duri übte und «machte» wie ein wilder, wie er sagt. Nach der Jugendmusik wechselten die Zwillinge in die Musik Ardez. Dort gab es schon vier Euphoniums, weshalb Duri nochmals wechselte, zum Es-Bass. 
Eine gute Wahl, denn mit diesem Instrument schaffte Stecher die Aufnahmeprüfung ins Militärspiel. «Alvin Muoth war mein Ausbildner und späterer Spielführer», berichtet er noch immer begeistert. Da habe er extrem viel gelernt, praktisch wie theoretisch, es sei so fordernd gewesen, dass er am Wochenende während der Rekrutenschule zu Hause noch gelernt habe. Sie hätten nicht nur gespielt, sondern immer auch gesungen, was ebenfalls toll gewesen sei. 
So musste er nicht lange überlegen, als ihn einige Jahre später Hannes Pfranger, Jon Armon Strimer und sein Bruder Martin anfragten, ob er in ihrer A Cappella Band «4 for you» den Basspart übernehmen wolle. Er wollte, obwohl viele Lieder auf Englisch waren und seine Spezialität eher Romanisch. Zu viert starteten sie einen kleinen Triumphzug und hatten grossen Erfolg mit ihrer Formation. Auftritte mit Marie Louise Werth, CD-Aufnahmen, Radioproduktionen und viele, viele Konzerte. «Das war eine tolle Zeit, wir haben super harmoniert», blickt Duri zurück und tatsächlich war die Harmonie nicht nur menschlich, sondern auch musikalisch, wie die Aufnahmen eindrücklich beweisen. Meist habe er die Proben geleitet, daran Gefallen gefunden und sich im Jahre 2000 für den ersten Dirigentenkurs angemeldet. Quasi vom Fleck weg sei er dann von der Musik Ftan angeheuert worden.
 

Fördern und fordern

Wohl spielt Duri selber gerne, fast noch lieber aber mag er es, eine Musik zu entwickeln, Klang und Rhythmus so zu steuern und einzuüben, dass am Schluss alles seinen Vorstellungen entspricht. So könne er seine Leidenschaft mit den Musizierenden teilen, sie setzten seine Ideen um, er probiere zu fördern aber auch zu fordern. Oft höre er zuerst «das ist nicht möglich», ist es dann aber trotzdem, dank Geduld und Übung – und seinem Einsatz. Denn die Proben sind das eine, die Vorbereitung das andere. Ohne geht es nicht und ohne Zeit auch nicht. Als er die Musik Ftan nach sieben Jahren verliess, zählte das Korps 45 Mitglieder, bei seinem Antritt waren es gerade mal 20. 
Momentan dirigiert er die Musik von S-chanf, wo der Bestand ebenfalls schon von 19 auf 29 angewachsen sei. Zwischen Ftan und S-chanf machte er einen Abstecher nach Ardez, wo er die musikalische Leitung des gemischten Chors übernahm. Eine grössere Herausforderung als bei einer Musik, findet er. Denn drückt man bei den Instrumenten die richtigen Ventile, ist man dem gewünschten Ton schon ziemlich nahe. Die Sängerinnen und Sänger hingegen habe nur ihre Stimme und dann sind es im gesamten Chor nur vier verschiedene Stimmlagen. Schliesslich müsse man darauf schauen, dass alle zu hören seien und nicht die einen die anderen übertönten, fast schon ein bisschen Sozialarbeit sei dies, schmunzelt er. Auch müsse er jede Stimme singen können, um den Chor richtig anzuleiten. Da kommt ihm zugute, dass er ein ausgezeichnetes Musikgehör hat und die Töne trifft, ohne dafür die Stimmgabel anschlagen zu müssen. 
Die Töne trifft er selbstverständlich auch als Alpchef und dirigiert die Laviner Bauern so, dass sie die Pferche aufstellen, wie er sich das vorstellt. 
 

Das könnte Sie auch interessieren