«Es war an einem Samstagabend, wir sassen zusammen mit der Familie, friedlich und gemütlich, da drang ein wunderbarer Duft aus der Küche. Sowas hatte ich vorher noch nie gerochen. Irgendwie süss, nach Butter auch, paradiesisch, aber kein Kuchen oder Guetsli. Ich rannte in die Küche, folgte dem Duft.» Beim Erzählen beginnen Magdalenas Augen zu leuchten, ihre Armbewegungen werden energischer und die Stimme noch kräftiger – obwohl das Erlebnis schon einige Jahre zurückliegt. «In der Küche stand Elisabeth, meine Schwiegermutter, und buk einen Zopf», schliesst sie ihre erste Begegnung mit dem traditionellen Sonntagsgebäck in der Schweiz ab. Eine Begegnung, die noch lange nachhallen sollte.
Genauso wie die Begegnung mit einem jungen Schweizer in einem Restaurant in Warschau, wo Magdalena Olkowna bis vor sieben Jahren gelebt hat. «Er sass an meinem Lieblingsplatz», entrüstet sie sich, «aber er sah gut aus, also setzte ich mich an den Nebentisch. Er warf mir ein freundliches «Smacznego» zu, «Guten Appetit» auf Polnisch. Wir kamen ins Gespräch und ich verliebte mich in den süssen Engadiner mit Namen Chasper Sarott.»
Von Warschau nach Sent und nach Madagaskar
Magdalena stammt ursprünglich aus Krakau wo sie Journalismus und Kommunikation studierte, Instrumente, um die Welt zu entdecken, auch Fotografie. Noch während des Studiums begann sie sich der bildenden Kunst zu widmen, erst der Fotografie. Mit der Zeit richtete sie ihren Fokus auf die abstrakte Malerei. Nach dem Studium zog sie dann nach Warschau und anderthalb Jahre nach der Begegnung mit Chasper in seinen Heimatort Sent. Ins Haus mit dem Zopf-Duft, wo es ihr ausgesprochen gut gefällt, nicht nur wegen des Geruchs, den kann sie mittlerweile auch selbst kreieren. Gefallen tut es ihr wegen der Natur, der Umgebung, aber vor allem auch wegen der Menschen. «Nur schon wenn ich Brot holen gehe, kann ich mich problemlos eine halbe Stunde mit den Leuten, die ich auf der Strasse treffe, unterhalten. Ich brauche nur Allegra zu sagen und daraus entsteht der schönste Austausch, ungezwungen.»
Austausch mit verschiedensten Menschen war quasi ihr tägliches Brot in den letzten sechs Jahren, allerdings nicht immer ganz ungezwungen. Denn Chasper war weder für Ferien noch zu Studienzwecken in Warschau, sondern arbeitete auf der Schweizer Botschaft. Von Warschau beorderte ihn der Bund dann nach Antananarivo, der Hauptstadt Madagaskars. Magdalena an Chaspers Seite als Botschaftergattin, eine komplett neue Rolle, von einem Tag auf den anderen. Eine Rolle, die sie sehr ehrte, auf die sie sich aber nur in einigen kurzen Online-Seminaren vorbereiten konnte. «Ich war so stolz, die Schweiz zu repräsentieren, hatte aber als Repräsentantin und Gastgeberin auch entsprechend auszusehen, mich entsprechend zu verhalten, meine Rolle korrekt zu spielen. Plötzlich gab es zwei Magdalenas, die private und die öffentliche, wie zwei Stränge gewissermassen, die im besten Falle zusammenfanden, sich dann überlagerten, manchmal aber auch für sich blieben.»
Druck habe sie gespürt in der neuen Rolle, allerdings auch selbst auferlegten. «Ich wollte jeden Tag mein Bestes für die Schweizer Botschaft geben, die beste Unterstützung für unsere diplomatische Mission zu sein.» Vorher sei sie sicher sorgloser unterwegs gewesen, aber in ihrem neuen Leben, musste sie dafür sorgen, dass sich die Gäste und Mitarbeitenden wahrgenommen und respektiert fühlten. Du musst dem Protokoll folgen, professionell sein, unterhalten, gehaltvolle Fragen stellen aber gleichzeitig auch ehrlich und authentisch zu sein. Daraus könne dann eine bedeutsame Verbindung zum Gegenüber entstehen. Kein Zweifel, dass Magdalena dies nicht bravourös gemeistert hat. Trotzdem auch immer wieder etwas Unsicherheiten, weil man doch auch Mensch sei und ab und an Fehler mache. Und die Gästeschar an den offiziellen Empfängen war durchaus illuster. Spitzenpolitiker und -diplomaten aus der Schweiz, aus Madagaskar aus anderen Ländern. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr Alt-Bundesrat Alain Berset. Sehr charismatisch, sehr intensiv, sehr schnell sei er aufgetreten.
Dazwischen immer wieder Kunst. Klassische und surrealistische Fotografie in der kargen Landschaft von Südwestmadagaskar, abstrakte Malerei, unbeabsichtigte Farbspritzer auf den Bildern, Improvisation bei Rahmen und Leinwand, inspiriert vom Leben in Afrika. Lebensfroh deshalb auch die Bilder.
Kunst zum Überleben
Die nächste Station war dann nochmals eine Stufe extremer – Kinshasa in Kongo. Schmutzig, dreckige Luft, gefährlich, korrupt, sterbende Kinder auf der Strasse, viel Gewalt. Überstanden dank dem Ventil der Kunst. Düster die Bilder, gewaltig auch, schwarz über braun, kryptische Buchstaben und zwei schwarz bemalte, verbeulte und zerdrückte Bleche. Teile eines Baustellensichtschutzes, die Magdalena sich «geborgt» hat. Denn der Sichtschutz verbarg 24 Villen im Bau für die Mitglieder der nationalen Elite, verboten eigentlich der Bauplatz, foutiert aber von den Bauherrschaften. Vor allem nahm der Sichtschutz den Blick auf den Fluss Kongo, entlang der einzigen Flanierstrecke in Kinshasa.
Nach dem Abschied aus Kinshasa brauchte sie deshalb einige Zeit, um sich von diesen Eindrücken zu erholen. Doch mittlerweile ist sie durchaus bereit für den nächsten Auslandsposten, der in drei Jahren wieder anstehen dürfte. Der Abschied zuvor aus Madagaskar unter Tränen, festgehalten in «Terre de Madagascar», Erdklümpchen auf Leinwand, alles schwarz, gross und eindrücklich. Genauso wie die Erinnerung daran und an die «Zopfli».
Zopf als Metapher
Nachher ein Kunstwerk, vorher ein Backwerk und der Nachhall aus der Senter Küche. Denn Magdalena faszinierte nicht nur der Geruch des werdenden Zopfs, sondern die Metapher. Zwei Stränge, die sich in einem köstlichen Brot vereinen, zwei Liebende, vereint in ihrer Mission, zwei Länder, die sich austauschen und zusammenarbeiten. Deshalb buk Magdalena während der sechs Jahre in Afrika bei jedem offiziellen Diner für alle Gäste kleine Zöpfe – Zopfli. Diese kulinarische Erfahrung war ihre Art, die offiziellen Gäste an den diplomatischen Tafeln in Madagakar und Kongo zu vereinen und sie mit der Schweiz zu verbinden.
«Schliesst die Augen, stellt euch verschneite Berge vor, blauen Himmel, leuchtende Sonne, Frieden, Zusammenhalt….,» leitete sie die Essen jeweils mit einer kurzen Ansprache ein. Die Gäste waren immer bewegt, oft zu Tränen gerührt– gut nachvollziehbar. Rund 1000 kleine Zöpfe habe sie während ihrer Zeit in Madagaskar gebacken. Deshalb diese nachher als Zopfli in gebranntem Ton nachgebildet und ausgestellt. Einige davon bilden einen kleinen Hügel in Magdalenas Atelier, im Haus mit dem Zopf-Duft – am Ursprung gewissermassen.