Letztes Jahr haben wir in Graubünden rund 314 Tonnen Braugerste geerntet und dieses Jahr dürften es etwa 330 Tonnen sein», bilanziert und prognostiziert Sandra Kunfermann. Sie ist Geschäftsführerin der Genossenschaft Gran Alpin und als solche gewissermassen die Frau an der Spitze des Getreideanbaus im Kanton. Die 314 Tonnen sind eine deutliche Steigerung gegenüber dem Jahre 2023, wo gerade mal 160 Tonnen eingefahren wurden. Knapp 110 Betriebe im Kanton sind für diesen Ertrag verantwortlich und sie bauen nicht nur Braugerste an, sondern auch Speisegerste, Weizen, Roggen, Dinkel, Buchweizen, Hafer oder Emmer. Spitzenreiter ist dabei der Weizen mit einem Ertrag von 380 Tonnen. Zehn der Betriebe kommen aus dem Val Müstair und 16 aus dem Engadin. Diejenigen aus dem Engadin produzierten im letzten Jahr rund 95 Tonnen. Im laufenden Jahr dürften es etwa gleichviele sein.
Getreide statt Futterüberschuss
Kunfermann weiss auch, woher der Anstieg der Getreideernte rührt: «In den vergangenen Jahren erzielten viele Betriebe aufgrund der eher feuchten Verhältnisse einen Futterüberschuss.» Sprich, die Bauern mähten auf ihren Wiesen soviel Gras, dass ihr Vieh gar nicht alles fressen konnte. Deshalb haben sich entsprechend mehr Betriebe dazu entschlossen, überhaupt Getreide oder noch mehr Getreide anzubauen. Zu ihnen gehören auch Carlo Müller und Nando Neuhäusler aus Susch. Die beiden jungen Bauern ernteten auf ihren Betrieben ebenfalls mehr Futter, als ihre Kühe fressen konnten. Deshalb begannen sie schon vor drei Jahren mit dem Getreideanbau, damals aber noch in etwas kleineren Rahmen. Als die Frucht dann aber reif gewesen wäre und die Wetterprognosen mit Schnee bis in tiefe Lagen drohten, konnte niemand zum Dreschen kommen aus Abwesenheitsgründen. Es schneite dann zwar nicht ganz so heftig wie befürchtet, aber fürs Getreide wars trotzdem nicht gut und den beiden Bauern eine Lehre.
Einen Kindheitstraum erfüllt
Flugs entschlossen sie sich, einen eigenen Mähdrescher zu kaufen, für einen tiefen fünfstelligen Betrag, geben sie als Richtgrösse an. Dadurch bereitete ihnen der Getreideanbau noch viel mehr Freude – «Mähdrescher fahren ist eigentlich ein Kindheitstraum» – und sie weiteten ihre Felder aus. In diesem Jahr säten sie auf rund 18 Hektaren Getreide an, vornehmlich Braugerste, zusätzlich aber auch noch eine Hektare Eiweisserbsen und ca. 1,6 Hektaren Futtermais. Diesem hingegen sagt man nach, Wildschweine anzulocken. Bis jetzt hätten sie noch keine gesehen, meinen die beiden fröhlich. Für den Mais lassen sie einen Häcksler aus dem Oberengadin kommen, den Rest dreschen sie selber. Doch nicht nur ihre Felder bearbeiten sie mit dem Mähdrescher, sondern auch diejenigen anderer Bauern, insgesamt etwa 26 Hektaren würden sie dreschen, beziffern die beiden. Vor allem in Susch und Lavin. In Zernez hätten sie noch kaum Aufträge, meinen sie mit einem Schmunzeln. Warum dies so ist, dazu später mehr. Bei der Ernte stehen verschiedene Herausforderungen an, erklären sie. Erstens mal muss der Mähdrescher funktionieren – logisch, denkt man. Anfangs sei dies aber nicht so gewesen, begründen sie ihren Einwand. Zum Glück hätten sie ihre Maschine noch vor der Ernte ausprobiert. Wohl habe die Klimaanlage funktioniert, obwohl der Verkäufer beteuert hätte, die sei defekt. Dafür waren andere Teile defekt, die vom ehemaligen Besitzer als einwandfrei beschrieben worden waren. Mittlerweile hätten sie fast alles ausgetauscht und der Drescher funktioniere ziemlich einwandfrei.
Keine unnötigen Fahrten
Die zweite Herausforderung betrifft die Logistik, vor allem oder weil sie an verschiedenen Orten dreschen. Da sei es wichtig, quasi einen Fahrplan für alle Flächen zu haben, damit der Drescher nicht zu oft und vor allem nicht vergebens auf der Strasse rumfahren müsse. Auch das haben sie mittlerweile im Griff, so dass für die zwei gegen Ende August die fast schönste Zeit im Jahr beginnen kann. Eine Herausforderung, die nur schwierig in den Griff zu bekommen ist, stellt das Wetter dar. Im Frühling sollte es nicht zu trocken sein und schon gar keinen Schnee haben. Für die Ernte muss das Wetter dann sehr trocken sein, weil sonst die Qualität rapide sinkt oder das Korn gar zu faulen beginnt.
Bott drescht seit fast 50 Jahren
Von Herausforderungen kann auch Fritz Bott berichten. Er drischt Getreide im Val Müstair seit er 19 Jahre alt ist. Mittlerweile zählt er 66 Lenze und drescht nur noch ab und zu, weil sein Sohn den Betrieb übernommen hat. Vor knapp 50 Jahren hätten praktisch alle im Tal zur Selbstversorgung Getreide gepflanzt, erinnert er sich, entweder für Mehl oder für Tierfutter. Heute würden sie etwa 80 Hektaren dreschen, sagt Bott – auch in Zernez. Mittlerweile gedeiht auch im Tal Korn zum Weiterverkauf, Bott selber gibt seines an die Grüninger Mühlen weiter, andere produzierten Braugerste, wie immer für Gran Alpin in Bio-Qualität. Aber ein beträchtlicher Teil des Getreides wird auch direkt vor Ort in der lokalen Getreidesammelstelle verarbeitet. Momentan steht man bei etwa acht Tonnen, das Ziel wären 14 Tonnen. Ein Teil des Getreides wird zu hochwertigem Mehl gemahlen und verkauft oder in der Bäckerei weiterverarbeitet.
Schaffen die Münstertaler den Anstieg von 8 auf 14 Tonnen, würden sie bereits etwas antizyklisch agieren. Denn Sandra Kunfermann sieht keine grosse Ausweitung der Erntemengen mehr, im Gegenteil. Nach diesem trockenen und ertragsarmen Sommer für den Futterbau hätten einige Betriebe bereits wieder damit begonnen, ihre Ackerflächen in Wiesen umzuwandeln, hat sie beobachtet.
Anbauplanung Ernte 2026
|
Gran Alpin total |
Val Müstair |
Unterengadin |
||||
|
Getreide |
Fläche (ha) |
erwarteter Ertrag (t) |
Fläche (ha) |
erwarteter Ertrag (t) |
Fläche (ha) |
erwarteter Ertrag (t) |
|
Weizen |
91.3 |
383.4 |
7.7 |
32.3 |
4.6 |
19.5 |
|
Dinkel |
39.3 |
137.6 |
0.0 |
0.0 |
0.8 |
2.6 |
|
Roggen |
8.5 |
34.0 |
2.8 |
11.2 |
0.0 |
0.0 |
|
Speisegerste |
19.2 |
73.0 |
1.8 |
6.8 |
0.0 |
0.0 |
|
Braugerste |
93.9 |
332.3 |
6.2 |
21.9 |
33.6 |
118.9 |
|
Hafer |
2.1 |
8.2 |
0.4 |
1.6 |
0.0 |
0.0 |
|
Summe |
254.2 |
968.4 |
18.9 |
73.9 |
39.0 |
141.1 |
Quelle: Gran Alpin