Einer der bekanntesten Wälder der Schweiz liegt weit hinten in der Val S-charl: der God da Tamangur. Er ist der höchstgelegene, geschlossene Arvenwald Europas und in ihm wachsen uralte, mächtige Baumindividuen. Zudem ist er eingebettet in die wunderschöne Landschaft der Val S-charl mit ihren Alpweiden und Feuchtgebieten. Im Laufe der Jahrhunderte liessen sich immer wieder Menschen von diesem Wald berühren, zu kühnen Projekten anregen und zu kreativen Werken inspirieren.
Projekthintergrund und Unterstützung
Der Geschichte dieses Waldes, seiner Entwicklung und seiner Wahrnehmung dokumentiert ein kürzlich abgeschlossenes Forschungsprojekt der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL. Dieses wurde angeregt und unterstützt durch Angelika Abderhalden, Geschäftsführerin der UNESCO Biosfera Engiadina Val Müstair. Zudem erhielt das Projekt vom Amt für Wald und Naturgefahren und dem Amt für Natur und Umwelt des Kantons Graubünden finanzielle Unterstützung. Darüber hinaus profitierte es stark von der Hilfe und den Informationen zahlreicher lokaler Expertinnen und Experten – ihnen allen sei bei dieser Gelegenheit herzlich gedankt!
Die Ergebnisse, die in ausführlicher Form in einem Bericht vorliegen (siehe nebenstehenden QR-Code), werden im Folgenden kurz zusammengefasst.
Wechselvolle Geschichte
Dass im God da Tamangur viele sehr alte Bäume stehen, bedeutet keineswegs, dass er sich nicht im Laufe der Zeit verändert hat. Diese Veränderungen in der Waldstruktur und die dafür verantwortlichen Veränderungen in der Waldnutzung lassen sich aufgrund von forstlichen Planungsdokumenten, historischen Fotografien, Luftbildanalysen und Interviews untersuchen. Es zeigt sich, dass die jahrhundertelange Beweidung das Aufkommen junger Bäume stark einschränkte. Dies führte dazu, dass der God da Tamangur zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorwiegend aus sehr alten, mächtigen Arven bestand. Es war ein locker bestockter, lichter Wald, in dem zudem viele abgestorbene Arven standen, da tote Arven über sehr lange Zeit als sogenannte Dürrständer stehen bleiben können. Dieses Waldbild hinterliess bei manchen Besuchern den Eindruck eines sterbenden Waldes. Im Laufe des 20. Jahrhunderts ging die Beweidung zurück und wurde schliesslich weitgehend aufgegeben, als der God da Tamangur gegen Ende des 20. Jahrhunderts aufgrund seiner Einzigartigkeit zum Naturwaldreservat erklärt wurde. Das Waldbild hat sich insgesamt vor allem durch diesen Rückgang der Beweidung verändert und wird heute in weiten Teilen von kräftigem Jungwuchs geprägt.
Inspiration für Gesellschaft und Kultur
Die vielen toten und scheinbar sterbenden Arven machten den God da Tamangur zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Wahrnehmung des Dichters Peider Lansel zu einer idealen Metapher für die rätoromanische Sprache, um deren Anerkennung in dieser Zeit gerungen wurde. In seinem anlässlich der Festa Ladina von 1923 verfassten Gedicht «Tamangur» ruft er in diesem Sinn abschliessend auf: «Rumantschs, dat pro! – Spendrai tras voss’amur nos linguach da la mort da Tamangur.» / «Romanen, steht zusammen! Rettet mit eurer Liebe unsere Sprache vor dem Schicksal von Tamangur!» (Übersetzung durch Andri Peer in Lansel und Peer 1989).
Aber auch für den Gebirgswaldbau war der Wald eine Inspiration. Initiierte doch Nicolin Bischoff, zeitweise Kreisförster von Ramosch/Tschlin/Samnaun, in den 1980er Jahren die Projektgruppe «Tamangur», mit dem Ziel der Förderung der Arve als wichtigen Baum im Gebirgswald.
Vielfältig sind die Spuren, die der Wald in Werken von Künstlerinnen und Künstler hinterlassen hat. Hierzu verweisen wir gerne auf die Ausführungen im erwähnten Bericht.
Zukünftige Entwicklung
Unsere Untersuchung erlaubt eine Einordnung der gegenwärtigen Situation und die Entwicklungsdynamik des God da Tamangur vor dem Hintergrund sich rasch ändernder gesellschaftlicher Bedürfnisse und Nutzungsansprüche. Diese Entwicklung ist nicht abgeschlossen: sicher werden sich Wald und Landschaft unter den Ansprüchen der heutigen Freizeitgesellschaft und den Auswirkungen des Klimawandels weiter verändern. Zu hoffen ist, dass die berührende Schönheit und die Faszination, die vom God da Tamangur und der ihn umgebenden Landschaft ausgehen erhalten bleiben, damit auch zukünftige Generationen von ihnen inspiriert werden.