In knapp einem Monat findet die Aufführung von Carmina Burana im Rahmen des Festivals Scuol Classics statt. Haben Sie den Chor beisammen?
Ja, denn der Chor besteht im Grossen und Ganzen seit Herbst 2025. Aber es kommen immer noch einzelne Personen dazu.
Wie viele Leute sind dabei und wie verlaufen die Proben?
Der Chor besteht aus rund 50 Leuten und wir liegen (Stand gegen Ende April) in den letzten Zügen der Probenarbeit. Acht Tage haben wir schon zusammengearbeitet, drei eintägige Proben kommen noch dazu, dann werde ich den Chor an Urs Leonhardt Steiner übergeben, der ihn dann mit den Sängerinnen und Sängern aus den USA zusammenführt.
Würden Sie nicht auch gerne selber mit dem Chor auftreten?
Natürlich wäre das schön, aber das stand nie zur Diskussion. Die Arbeitsteilung, wie sie jetzt besteht, war von Anfang an so abgemacht. Das Ganze kam auf Initiative von Cinzia Regensburger zu Stande, sie war einst meine Schülerin in Schiers und hat auch bei mir im Chor gesungen. Sie hat mich angefragt, ob ich die Probenarbeit in der Vorbereitungsphase übernehmen würde, was ich gerne gemacht habe.
Grundsätzlich finde ich es eine sehr gute Idee, klassische Musik in die «Randregionen» zu bringen, wenn ich das als Prättigauer so sagen darf.
Wieviel Leute reisen denn aus den USA an?
Das Orchester besteht aus 45 bis 50 Leuten, im Chor sind es etwa gleich viele. Sie rühren schon mit der grossen Kelle an. Sechs Leute von unserem Chor reisen Mitte Mai nach San Francisco und sind dort Teil der Aufführungen der Carmina Burana.
Aber natürlich wäre für mich eine Produktion mit Leuten nur von hier auch interessant, es wäre vielleicht auch eine etwas andere Herangehensweise. Aber so wie es jetzt ist, stimmt das für mich.
In den USA sind sie jetzt auch am Üben?
Ja selbstverständlich. Sie studieren dasselbe Werk ein. Die Art zu Singen wird dann noch etwas vom Chorleiter abhängen, immerhin wird der Chor am Schluss verdoppelt. Grundsätzlich finde ich die Idee sehr spannend, tausende von Kilometer voneinander entfernt etwas vorzubereiten und dann zusammen aufzuführen.
Welche Stimmen waren am schwierigsten zu finden, sind am rarsten?
Die Männer sind immer etwas Mangelware, das Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Stimmen ist nie eins zu eins, sondern im besten Falle zwei du drei oder gar eins zu zwei. Wir haben nun sieben Tenöre und acht Bässe, daneben 35 Frauen, die sich auf Sopran und Alt aufteilen.
Doch für die Besetzung war vor allem Cinzia zuständig, nicht ich.
Sie haben 40 Jahre lang den Chor der Evangelischen Mittelschule Schiers geleitet. Wie viele Prättigauer singen denn jetzt in Scuol mit?
Es sind zwei, die in meinem Chor in Schiers mitgesungen haben.
Welche Voraussetzungen mussten die Sängerinnen und Sänger erfüllen, gab es ein Casting?
Nein, es gab kein Casting und auch kein Vorsingen. Wer mitmachen wollte, konnte sich bei Cinzia melden und die singen jetzt alle mit. Es gibt auch Leute ohne Chorerfahrung, die mitsingen, aber das funktioniert schon. Carmina Burana liegt nicht auf der höchsten Schwierigkeitsstufe und ist von allen gut machbar, die momentan im Chor singen.
Beim Bündner Jugendchor hingegen, den ich leite, wähle ich die Sängerinnen und Sänger gezielt aus. Ich gehe aktiv auf sie zu, nehme die einen aus dem Chor der EMS, die ich schon kenne und höre mir diejenigen an, die Schnuppern kommen. Dort entscheide ich dann, ob ihr musikalischer Stand zum Chor passt.
Der Chor ist eine ziemlich zusammengewürfelte Truppe. Haben Sie zuerst Teambuilding-Seminare gemacht?
Nicht in dem Sinne, nein. Aber wir haben ein Probenwochenende durchgeführt. Am 30. und 31. Mai findet noch eines im Hotel Scuol Palace statt, weil dann der Gemeindesaal besetzt ist. Da singen wir zusammen und picknicken über Mittag. Zwar gehen die Leute am Abend wieder nach Hause, aber das ist jeweils eine sehr schöne Stimmung und trägt durchaus zu einem guten Teamgeist bei. Die Sängerinnen und Sänger haben es sehr gut miteinander. Man muss auch sehen, dass das Projekt für sie sehr aufwändig ist. Vor allem für diejenigen, die noch kleine Kinder zu Hause haben. Denn im Schnitt proben wir zwei Sonntage im Monat. Doch alle, die dabei sind, machen es sehr gut.
Ich nehme mal an, das ist ein wenig wie bei einer Fussballmannschaft, es gibt bessere und weniger gute Sängerinnen und Sänger. Wie geht man da vor?
Grundsätzlich sind alle gleichberechtigt und am Schluss zählt das Gesamtresultat. Chorsingen ist kein Sport. Aber natürlich gibt es geübte und weniger geübte Mitglieder im Chor. Die einzelnen Nummern der Carmina Burana sind 2 bis 8-stimmig komponiert. Sie sind sehr kompakt und überschaubar gestaltet, darum ist es auch für ungeübte Leute problemlos realisierbar. Als Chorleiter gilt es, darauf zu achten, dass der Chorklang ausgeglichen und dem Charakter der einzelnen Nummer angepasst gestaltet wird.
An den Probetagen singen sie den ganzen Tag, ist das nicht anstrengend?
Doch, das ist schon anstrengend, umso mehr, weil die Stücke zum Teil hohe Stellen haben. Da muss ich schon schauen, dass meine Sängerinnen und Sänger nicht schon nach zwei Stunden ausgepowert sind. Heisst also, ich muss auch stark auf die Belastungssteuerung achten, ein wenig wie ein Trainer im Sport. Am meisten aber dürfte meine eigene Stimme leiden, weil ich jede Stimme vorsingen muss. Damit muss ich aber auch umgehen können und das gelingt mir ganz gut.
Wie erleben Sie denn die Proben bis jetzt?
Ich bemerke, dass da etwas zusammenwächst und dass alle in jeder Probe Fortschritte machen und das ist sehr schön. Wir sind sehr gut unterwegs und ich denke, dass wir einen guten Schweizer Teil abliefern werden.
Wie werden Sängerinnen und Sänger eingeteilt und akzeptieren sie dies?
Da ist nicht viel zu machen, denn die Einteilung ergibt sich aus der von der Natur gegebenen Stimmlage. Die Leute sollen sich im Chor wohl fühlen.
Haben Sie bis zu den jetzigen Proben ein neues Talent entdeckt, einen Rohdiamanten vielleicht?
Salopp formuliert liesse sich sagen, dass die meisten Sängerinnen und Sänger nicht mehr in dem Alter sind, in dem man ihnen noch eine Talentförderung angedeihen liesse. Die Talentschau ist eigentlich schon abgeschlossen.
Aber wir haben sehr gute Leute im Chor, auch solche mit einer professionellen Ausbildung, dort wurde das Talent bereits früher entdeckt. Sängerinnen und Sänger, die weniger geübt oder noch etwas unsicher sind, können sich an diesen erfahrenen Leuten orientieren oder sogar «anlehnen». Das ist sehr wichtig, davon lebt ein Chor, von diesem Miteinander, vom Teamgedanken.
Mit dem Chor führen Sie Carmina Burana auf. Was stand zuerst fest, das Stück oder der Chorleiter?
Das Stück wurde zuerst ausgewählt, und ich bin dann dazu gekommen, weil Cinzia mich angefragt hat. «Carmina Burana» ist ein sehr spannendes Werk. Carl Orff hat aus dieser im Kloster Benediktbeuern gefundenen Sammlung von 254 Liedern aus dem 11. und 12. Jahrhundert 24 Texte ausgewählt. Seine Vertonungen sind dieser Zeit nachempfunden. Das sind Liebeslieder, Trinklieder und Naturlieder, lateinisch oder in Mittelhochdeutsch. Die Trinklieder singen nur die Männer. In einem schildert ein gebratener Schwan, wie er von den Männern am Tisch verspiesen wird. Interessant ist auch, dass bei Liebes- und Naturliedern noch die genau gleiche Thematik vorkommt, wie in Kompositionen unserer Zeit.
Haben Sie denn die Lieder vor den Proben übersetzt?
Ja, ich habe Einführungen gemacht und zu jedem Stück erzählt, worum es geht und wie Orff diesen Text auszudrücken versuchte.
Grundsätzlich geht es um das Glücksrad, Fortuna oder den Lebensweg. Einmal ist man zuoberst, dann wieder zuunterst. Was erlebt der Mensch, wenn es ihm gut geht und wenn es ihm schlecht geht. Ich finde, das ist spannend gemacht. Das Chorkonzert dauert so rund eine Stunde. Umrahmt wird es vom Programm des Golden Gate Orchestra unter der Leitung von Urs Leonhardt Steiner.
Sie dirigieren Chöre und Musikformationen, welches sind da die grössten Unterschiede?
Es ist eine andere Art zu Proben. Sänger müssen den Ton quasi finden, beim Instrument kann man drücken, dann entsteht er. Doch ob Orchester- oder Blasmusikleiter, die Hauptaufgabe ist es, ein gutes musikalisches Resultat zu erzielen und die Gruppe in den Proben laufend zu verbessern, so dass man am Schluss eine optimale Performance abliefern kann. Während der Proben rede ich denn auch viel mit den Sängerinnen oder Musikanten, probiere zu verbessern und auf Schwächen hinzuweisen. Am Konzert aber schwatze ich gar nichts mehr, dort führe ich nur mit dirigieren. Beim Chor kommt noch der Text dazu, da kann ich, wenn nötig, mit Lippenbewegungen Inputs geben. Aber grundsätzlich sind die Schlag- respektive Dirigierbewegungen bei beiden Formationen gleich.
Welches ist der schönere Moment, der unmittelbar vor oder derjenige nach dem Auftritt?
Das kann ich nicht genau sagen. Derjenige zuvor ist etwas prickelnder, danach ist man dann entweder gelöst oder frustriert. Je unsicherer man bei der ganzen Sache ist, desto nervöser ist man vor dem Konzert. Fühle ich mich jedoch meiner Sache sicher und bin überzeugt, dass der Chor abliefert, bin ich ruhig vor dem Konzert. Ist man so vorbereitet, dass man sicher ans Konzert gehen kann, dann ist das etwas Wunderbares. Aber am wichtigsten ist eigentlich, dass man so gut probt, dass man am Schluss ein schönes Konzert haben kann.
Gibt es denn nächstes Jahr allenfalls ein Stück nur mit Leuten von hier unter Ihrer Leitung?
Das liegt nicht in meiner Hand, wäre aber sicher spannend. Wenn ich ein Projekt realisieren könnte, bei dem ich effektiv mitgestalten kann, könnte ich mir das durchaus vorstellen. Es ist aber überhaupt nichts im Gespräch. Mal schauen, was kommt.
Zur Person
Martin Zimmermann war während 41 Jahren Musiklehrer am Gymnasium der EMS Schiers (Schulmusik und Klarinette/Saxofon). 28 Jahre hat er den Schulchor geleitet und dabei unter anderem im Jahr 2013 die «Carmina Burana» zusammen mit einem Ballettensemble aufgeführt. Zudem leitet Zimmermann den Bündner Jugendchor buejuchor.ch und den Cantus Raeticus. Seit Juli 2025 ist er pensioniert, arbeitet aber weiterhin mit grosser Motivation mit seinen beiden jungen Chören. Mit dem Cantus Raeticus geht es im Juli nach Budapest zu einem internationalen Chorwettbewerb, mit dem Bündner Jugendchor nimmt er im August bei den «World Choir Games» in Helsingborg (Schweden) teil.