Was bedeutet Musik für Sie?
Musik bedeutet für mich Lebensfreude, Leidenschaft und Lebensinhalt.
Wie wäre Ihr Leben ohne Musik?
Sehr, sehr leer und langweilig.
Können Sie den Anteil der Musik in Ihrem Leben beziffern?
Nicht genau, denn das kommt auf den jeweiligen Tag an, je nachdem ob ich noch Musik unterrichte oder als Lehrerin arbeite. Jedenfalls verbringe ich sehr viel Zeit mit Musik, oft auch in der Freizeit, wenn ich beispielsweise noch ein Konzert besuche. Jedoch habe ich auch Phasen, in denen ich Ruhe brauche und mich bewusst von der Musik distanziere, weil es sonst zu viel werden würde.
Sie brauchen Pausen von der Musik?
Ja, dann schalte ich zum Beispiel bewusst das Radio aus und höre keine Musik mehr, nicht einmal als Hintergrundberieselung. Manchmal brauche ich einfach absolute Ruhe oder lausche der Natur.
Musik ist für mich Leidenschaft und Hobby, und es ist wichtig, dass das so bleibt. Deshalb habe ich mich so eingerichtet, dass ich nicht von der Musik leben muss.
Wenn Sie Musik hören, mit Kopfhörer oder eher ab Lautsprecher?
Das ist unterschiedlich, oft höre ich Radio, auch die Charts, damit ich auf dem Laufenden bin und weiss, welche Musik meine Schülerinnen und Schüler hören. Klassische Musik höre ich eher nicht so nebenbei, das kann ich kaum, denn dabei beginnt mein Hirn sofort die Musik zu analysieren. Grundsätzlich höre ich alles querbeet, also von Pop über Jazz bis hin zum Hip-Hop, das entspricht meiner vielfältigen Persönlichkeit. Für den Jugendchor und die Musikstunden an der Oberstufe setze ich sowohl auf neue Stücke wie auch auf Evergreens wie Mani Matter oder Paulin Nuotclà, damit die Kinder eine breite Basis erhalten.
Haben Sie Lieblingskünstler?
Beim Akkordeon ist das ganz klar Astor Piazzolla. Der Argentinier spielte ebenfalls Akkordeon und Bandoneon und prägte den Tango Nuevo. Mir gefällt, wieviel Ausdruck er in seine Musik bringt. Auch ich versuche Musik mit Seele und aus dem Herzen zu spielen.
Wie sind Sie zur Musik gekommen?
Das war familiär bedingt. Meine Mutter sang in einem Chor, wir haben zu Hause immer viel gesungen und haben zudem einige gute bis sehr gute Musikerinnen und Musiker in der Familie.
Meine Schwester nahm Akkordeon-Unterricht, also wollte ich das auch. Weil Akkordeon eher ein Solo-Instrument ist, lernte ich noch Cornet, da ich auch in einer Musikgesellschaft mitspielen wollte. Mit dem Cornet nahm ich Unterricht, Klavier habe ich mir selbst beigebracht und Gesang war schon immer meine Leidenschaft. Obwohl ich Akkordeon studiert habe, ist es für mich spannend, dass ich heute vor allem als Sängerin bekannt bin.
Sie studierten Musik an der Zürcher Hochschule der Künste, wie war das?
Die Aufnahmeprüfung habe ich in Bern und Zürich gemacht und hätte an beiden Orten studieren können, doch ich habe mich intuitiv für Zürich entschieden. Grundsätzlich ist das Musikstudium sehr hart, auch wenn das etwas komisch klingen mag. Hart ist es, weil man wenige Pflichtlektionen hat, dafür aber stundenlang alleine üben muss. Das anschliessende Studium an der Pädagogischen Hochschule war dann wie früher in der Schule, da waren alle Fächer vorgegeben.
Hatten Sie Angst vor prekären Verhältnissen, oder weshalb hängten Sie das Lehrerstudium noch an?
Lange Zeit konnte ich mich nicht entscheiden, zwischen dem Lehrberuf und dem Musikstudium, so habe ich dann einfach beides gemacht. Dies hat auch den Vorteil, dass ich nicht von der Musik leben muss. Das wollte ich nie, denn das hätte bedeutet, dass ich alle Aufträge annehmen muss, um meine Kasse zu füllen. Die Pädagogische Hochschule absolvierte ich auch mit dem Hintergedanken, dass ich gerne mal wieder im Engadin arbeiten möchte und da die Voraussetzungen als Lehrerin besser sind. Schliesslich hat sich alles bestens gefügt und ich habe erst noch Nina kennengelernt, mit ihr zusammen sind wir MI’AMIA.
Sie spielen Akkordeon, singen bei MI’AMIA, leiten einen Jugendchor, haben schon die «Società da musica Scuol» dirigiert. Was davon gefällt Ihnen am besten?
Zusammen mit Nina auf der Bühne zu stehen, ganz klar.
Weshalb?
Ich kann meine Leidenschaft mit einer sehr guten Freundin teilen. Zusammen können wir mit unserer eigenen Musik und unseren Texten die Leute erreichen. Wir merken, wie wir die Leute berühren, und das ist wunderbar. Denn Singen und vor allem Komponieren ist sehr persönlich und intim. Singe ich jemandem ein neu geschriebenes Lied vor, ist das, als würde ich einen Einblick in meine Seele und mein Herz geben.
Womit könnten Sie am besten aufhören?
Mit nichts. Es ist diese Vielfalt, die mich und mein Leben ausmacht, so bleibt es spannend und mir ist nie langweilig. Würde ich mich nur auf einen Bereich konzentrieren, könnte ich das nicht mit demselben Feuer und der gleichen Begeisterung machen. Und Begeisterung ist das Wichtigste, egal ob ich die Kleinen im Grundkurs unterrichte oder die älteren Schülerinnen und Schüler der Oberstufe. Die Kleineren sind einfacher zu begeistern, gelingt es mir aber, dass die grösseren Schüler den Musikunterricht pfeifend verlassen, so weiss ich, dass ich es gut gemacht habe.
Was gibt Ihnen die Musik?
Sehr, sehr viel. Deshalb plane ich auch nach meiner Babypause primär Musik zu machen und zu unterrichten.
Musik sei gut für die Seele und könne sogar heilend wirken, spüren Sie das auch?
Ja. Wichtig ist es auch, dies den Jugendlichen weiterzugeben. Viele von ihnen fragen sich, weshalb sie Musikunterricht haben. Deshalb versuche ich sie mit Klassenraps, Bodypercussion, Choreos oder einem Klassenlied zu begeistern. Ich achte darauf, dass ein Gemeinschaftsgefühl entsteht und sie ohne Druck arbeiten können. Wenn sie die Stunde dann mit einem Ohrwurm verlassen, bin ich sehr zufrieden. Musik ist schön und tut der Seele gut, davon bin ich überzeugt und das wurde auch wissenschaftlich bewiesen.
Dann sollen alle Musik machen?
Ich bin überzeugt, dass Musizieren und Singen allen gut tun würde. Jedoch findet jeder woanders den Ausgleich, sei es im Sport, auf der Jagd, in der Natur oder bei anderen Tätigkeiten. Sobald eine Leidenschaft dahintersteht, hilft das. Spielt man aber Musik in einem Verein, so entsteht ein grossartiges Gemeinschaftsgefühl. Auch deshalb spiele ich in der Musikgesellschaft Scuol mit.
Sollen wir jetzt alle einem Chor oder einer Musikgesellschaft beitreten oder gibt es auch niederschwelligere Möglichkeiten?
Unbedingt soll Musik für alle zugänglich sein, jeder sollte es lernen können. Doch nicht alle müssen einem Verein oder einem Chor beitreten. Die einen singen lieber nur für sich unter der Dusche, und das ist auch gut. Hauptsache, es macht Freude.