Hatten Sie auch schon einen Skiunfall?
Nein, bis jetzt nicht.
Wie verhindert man diese am besten?
Durch die richtige Ausrüstung und einen den Verhältnissen angepassten Fahrstil. Allerdings ist es mit den heutigen Skis sehr verlockend, über seine Verhältnisse zu fahren.
Halten sich viele an den Ratschlag mit dem angepassten Fahrstil?
Das ist schwierig zu sagen. Jedenfalls war es früher mit den «Pommes-frites-Skis», also denjenigen ohne Taillierung, ein ganz anderes Skifahren. Heute kann man mit geringem Kraftaufwand sehr schnell unterwegs sein. Die meisten Leute können sich gar nicht vorstellen, mit welcher Geschwindigkeit sie fahren.
Mit welcher denn?
30 bis 40 km/h erreicht man ohne Weiteres, dazu muss man nicht mal besonders schnell fahren wollen.
Und Sie sind noch mit «Pommes frites» gefahren?
Ja.
Wo passieren die meisten Unfälle in Scuol?
Da gibt es keine Hotspots, die Unfälle sind übers ganze Gebiet verteilt.
Was macht Unfälle wahrscheinlicher?
Schlechte Sicht ist nicht gut, allerdings fahren die Leute dann auch etwas langsamer. Je mehr Leute auf der Piste sind, desto mehr Unfälle gibt es. Zudem stellt man auch eine Häufung der Unfälle gegen Ende der Ferienwochen fest, dann sind die Leute schon etwas müde und nicht mehr so konzentriert, genauso wie am Nachmittag. Am Morgen passieren weniger Unfälle als am Nachmittag, da die Pistensportler dann nicht mehr so fit sind.
Steigt die Zahl der Unfälle?
Nein, eigentlich nicht. Die bleibt mehr oder weniger stabil und bewegt sich so um 250 pro Saison.
Und welches sind die häufigsten Verletzungen?
Das sind vor allem Knieverletzungen, und bei Snowboardern Handgelenksfrakturen. Weil die Pisten oft mit Kunstschnee präpariert und entsprechend hart sind, nehmen die Hirnerschütterungen zu.
Apropos Hirnerschütterung, würden Sie ein Helmobligatorium befürworten?
Es fahren nur noch sehr wenige Leute ohne Helm, deshalb finde ich das Obligatorium überflüssig. Schlussendlich müssen alle selber wissen, ob sie einen Helm tragen wollen oder nicht.
Aber Sie finden den Helm sinnvoll?
Ja, sicher, ich würde nie mehr ohne Helm skifahren. Natürlich hat man früher auch darüber gespöttelt, das war wie beim Gurtenobligatorium im Auto.
Das haben Sie aber nicht mehr erlebt, also das Fahren ohne Gurt?
Nein, da war ich noch nicht auf der Welt.
Gibt es noch andere Ausrüstungsgegenstände, die Unfälle verhindern können, beispielsweise der Rückenpanzer?
Auch ein Rückenpanzer ist sicher gut, es fragt sich halt auch, wie man Ski fährt. Bei Kindern finde ich Panzer eine sehr gute Sache, ob das dann aber bei 70-Jährigen auch noch so nötig ist, müssen diese selbst entscheiden.
Dann gab's früher für die Snowboarder mal Handschuhe mit integrierten Handgelenksstützen, doch davon ist man eher wieder weggekommen.
Wie wird man Pistenrettungschef?
Das war eigentlich ein Zufall. Ich hatte einen Sommerjob als Flughelfer und suchte dann etwas für den Winter. Dabei stiess ich auf die Pistenrettung. So besuchte ich erst den A-Kurs, wo es um Erste Hilfe, Pistenmarkierung und etwas Lawinenkunde ging. Dann den B-Kurs, der alles im Zusammenhang mit Schnee beinhaltete, absolvierte den Sprengkurs, und nach vier Jahren schliesslich den C-Kurs, der alles zum Pistenrettungsfachmann zusammenführte. Dann folgte noch ein zweiwöchiger Kurs mit einer Abschlussprüfung zum Eidg. Fachmann des Pisten- und Rettungsdienstes.
Und weshalb?
Nach dem A- und B-Kurs sagte mir die Thematik immer mehr zu. Zudem ergab sich für mich die Möglichkeit, den C-Kurs zu machen, heisst die Bergbahnen, bei denen ich damals angestellt war, bezahlten meinen Kurs. Da habe ich dann nicht lange überlegt.
Und wie sind Sie nach Scuol gekommen?
Ich habe die ausgeschriebene Stelle gesehen, kannte Scuol schon etwas von den Ferien, und der Ort gefiel mir sehr. Er hat eine gute Grösse, ist interessant und bietet Herausforderungen.
Aber was machen Sie im Sommer?
Das ist eine Ganzjahresstelle, im Sommer bin ich Teil der Baugruppe und im Winter als Pistenretter auch verantwortlich für die Beschneiung und die Sicherheit generell im Skigebiet.
Ist denn das Skigebiet sicher?
Ja. Wenn es nicht sicher ist, öffnen wir die Pisten nicht. Dies betrifft vor allem die neuralgische Stelle an der Bergstation des Lifts Mot da Ri in Richtung Champatsch.
Was gefällt Ihnen besonders an Ihrem Beruf?
Die verschiedenen Herausforderungen und die Abwechslung. Eigentlich weiss man am Morgen nie, was einen bis am Abend erwartet. Es bringt nicht viel, einen Wochenplan zu machen, oft muss man spontan entscheiden.
Wie läuft eine Rettung ab?
Erst erfolgt die Alarmierung, entweder übers Liftpersonal oder über Leute auf der Piste, welche beim Unfall sind. Dann starten die Patrouilleure vom Mot da Ri mit dem Rettungsschlitten zum Unfallort. Dort eingetroffen, stellen sie die erste Diagnose und entscheiden das weitere Vorgehen. Sie treffen immer alleine am Unfallort ein und tragen eine grosse Verantwortung. Je nach Diagnose respektive Verletzungen laden sie das Opfer auf den Schlitten oder fordern die Rega an. Mit dem Schlitten fahren sie bis ins Tal, wo sie die Verunglückten der Ambulanz übergeben.
Kommt der Schlitten noch oft zum Einsatz?
Eigentlich rücken wir immer mit dem Schlitten aus, nur ganz selten mit dem Schneetöff. Ich persönlich finde den Schlitten immer noch eines der praktischsten und sichersten Mittel.
Aber klar, wenn die Verletzten starke Schmerzen haben, Hirnerschütterungen, Oberschenkelbrüche oder Rückenverletzungen werden sie mit dem Heli abtransportiert.
Was wünschen Sie sich für diesen Winter?
Viel Schnee, viele Gäste, schönes Wetter und wenige Skiunfälle.
Thomas Heiniger ist seit dieser Saison Pistenrettungschef auf der Motta. Dabei ist er nicht nur für die Rettung zuständig, sondern auch für die Beschneiung und die Sicherung der Pisten. Im Sommer arbeitet der gelernte Zimmermann in der Baugruppe auf Motta Naluns.