Meist thronen die Orgeln auf der Empore an der Rückwand der Kirche, so wie hier in der Kirche von Ftan.
Meist thronen die Orgeln auf der Empore an der Rückwand der Kirche, so wie hier in der Kirche von Ftan. © Andrea Badrutt

Im Dienste der Orgeln

Jürg Wirth Roland Koch ist gelernter Orgelbauer und als solcher in der ganzen Schweiz und im Ausland unterwegs, um den Prunkstücken so mancher Kirchen wieder frische Töne einzuhauchen.

Das Licht geht aus. Nur die Kerzen, welche die Menschen in den Händen halten, erleuchten den Raum. Dann erklingt wuchtig und vielregistrig «Stille Nacht» von der Kirchenorgel – jedes Mal ein bewegender Moment an der Mitternachtsmesse in der Kirche. 

Doch nicht nur an der Mitternachtsmesse spielt die Orgel eine wichtige Rolle, sondern auch während der ganzen Gottesdienste und Predigten läuft diese zu Hochform auf. Sorgt erst für die richtig festliche Stimmung im Advent. Und auch durchs Jahr verschönern die Orgelklänge manchen Kirchengang, bringen die Jüngeren dazu, verstohlen den Kopf nach hinten zu drehen, um zu schauen, wer diesem Instrument solch zauberhafte Töne entlockt. Die Älteren würden auch gerne – wissen aber, dass sich das nicht gehört. Doch lohnen würde sich der Blick allemal. Nicht nur wegen des Orgelspielers, sondern vor allem auch wegen der Orgel selber. Ein Wunderwerk aus Holz und Zinn, eingebaut zumeist auf einer Empore an der Kirchenrückwand. Einer, der sich nicht mehr nach der Orgel umdrehen muss, weil er sie praktisch jeden Tag aus nächster Nähe sieht und entsprechend in- und auswendig kennt, ist Roland Koch. Denn Koch ist gelernter Orgelbauer, betreibt seine Werkstatt in Martina, ist aber vor allem unterwegs, um Orgeln in verschiedensten Kirchen und Kathedralen instand zu halten. Selbstverständlich weiss er auch ganz genau, wie eine Orgel aufgebaut ist. 

Luft, Pfeifen und Regie

Sie besteht grundsätzlich aus drei Bausteinen erklärt er, dem Pfeifenwerk, dem Windwerk und dem Regierwerk. Pfeifenwerk meint die Summe der Orgelpfeifen, welche den Ton oder die Töne produzieren. Die kleinsten Orgelportative haben zwischen 8 und 30 Pfeifen. Nach oben ist die Anzahl mehr oder weniger offen. Als grösste spielbare Orgel gilt im Moment die Wanamaker-Orgel in Philadelphia mit 376 Registern und 28750 Pfeifen. Den Europa-Rekord halten die gemeinsam spielbaren Orgeln des St.-Stephan-Doms in Passau mit 233 Registern und 17974 Pfeifen. Kochs grösste Orgel, an deren Restaurierung er beteiligt war, zählte 137 Register und 9097 Pfeifen, das war diejenige in Engelberg. Die bedeutungsschwerste, der er je wieder neues Leben eingehaucht hat, war die der St. Helen's Church Bishopsgate in London. Deren Orgel und Teile der Kirche zerstörte 1993 ein Bombenanschlag der Irish Republican Army (IRA).

 

Koch, der familiäre Wurzeln in Valsot hat, ist in Davos aufgewachsen, spielte dort in der Jugendmusik und genoss auch Musikunterricht. Nach der Matura begann er sich im Zwischenjahr intensiv mit der Berufswahl zu beschäftigen. Gut, dass er da junge Leute traf, die vor der gleichen Herausforderung standen, also konnte man sich auch ein wenig austauschen. Seine erste Idee war, Blechblasinstrumentenbauer zu werden, denn Musik gefiel ihm, und mit Instrumenten wollte er etwas machen. Kaum Ausbildungsmöglichkeiten und ein sehr ausgetrockneter Markt, lautete aber seine Einschätzung der Lage. Klavierbauer fasste er als Nächstes ins Auge. Das sei langweilig, beschied ihm eine Kollegin. Sie wusste das, weil ihr Cousin Klavierbauer war und – sich langweilte. Doch dann kam der Orgelbauer, ein Beruf, der Handwerk und Theorie vereinte, Schreinerarbeiten und Metallbearbeitung, Konstrukteurswissen und Vertiefung in Strömungslehre verlangte. 

Tastatur mit den Orgelregistern, quasi die Schaltzentrale der Orgel.
Tastatur mit den Orgelregistern, quasi die Schaltzentrale der Orgel. © Dominik Täuber

Alle Register ziehen

Strömungslehre deshalb, weil keine Pfeife einfach so Musik macht. Dazu braucht es Luft, die über eine scharfe Kante strömt und so einen Ton erzeugt, wie bei einer Blockflöte. Bei der Orgelpfeife nennt man die Kante Labium. Sind bei der Flöte die Spielenden für die Luftzufuhr verantwortlich, übernimmt bei der Orgel das sogenannte Windwerk diese Aufgabe. Bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts erfolgte dies eigentlich wie beim Anfeuern, mit einem Blasebalg. Allerdings war der einer Orgel etwas grösser als beim Grill und konnte per Fusspedal oder Seilzügen aktiviert werden. Danach übernahmen zunehmend elektrische Winderzeuger, also föhnähnliche Gebläse die Luftzufuhr. Der so erzeugte Luftstrom fliesst in einen Regulierbalg und weiter in die sogenannte Windlade, die eigentliche Zentrale der Orgel. Ein Gehäuse, auf dem sämtliche Pfeifen stehen. Dabei lässt sich jede Pfeife einzeln ansteuern respektive mit Luft füllen und so zum Klingen bringen. In der Hand hat dies der Organist oder die Organistin, welche dies von ihrem Platz aus steuert. Dabei kann sie, wenn sie will, auch «sämtliche Register ziehen» – genau daher kommt diese Redewendung. Register sind die Knöpfe oder Schalter, die um die Orgeltastatur angeordnet sind. Jedes Register entspricht einer Reihe von Orgelpfeifen mit einer charakteristischen Klangfarbe. Schalten sie eine Pfeifenreihe dazu oder lassen sie weg, können die Organisten ihrer Melodie die gewünschte Tiefe, Struktur, Klangfarbe und Pompösität verleihen. Denn je nach Wunsch und Vorliebe könnte eine Melodie auch nur auf einer Pfeife gespielt werden oder eben auf ganz vielen. Selbstverständlich kann die Anzahl auch während des Spielens verändert werden. Mit einer Taste lasse sich so auf ein ganzes Orchester zugreifen, schmunzelt Koch. Auch weist er darauf hin, dass Orgeln eigentlich die Vorläufer des Synthesizers seien. Und die Heimorgeln, bei der sich alle möglichen Instrumente zu- oder abschalten lassen, sind die Miniaturform der grossen Kirchenorgel.

Wer will, kann bei Koch aber auch eine Heimorgel ohne Elektronik bestellen, nur mit Pfeifen und Luft. Ab etwa CHF 40'000 ist man da im Rennen, die Obergrenze dürfte bei rund CHF 300'000 liegen, es ist ja bald Weihnachten.

Wenn Roland Koch Orgeln restauriert, stimmt er sie nach Gehör wieder neu.
Wenn Roland Koch Orgeln restauriert, stimmt er sie nach Gehör wieder neu. © Jürg Wirth

Beruf mit Zukunft

Doch in erster Linie ist Koch unterwegs, um bestehende Orgeln zu restaurieren. Damit begann er gleich nach der Lehre und reiste dazu nach Grossbritannien. Neun Jahre blieb er dort, drei Jahre in England und sechs Jahre in Schottland. Nebst der bereits erwähnten Bishopsgate-Orgel arbeitete er auch an der Händel-Orgel in St. Lawrence, Whitchurch, London, oder an einer der Orgeln für die Kapelle der Rugby School. Zu der Zeit erreichte ihn dann die Anfrage aus der Familie, ob er das Haus der Grossmutter in Martina übernehmen wolle. Er wollte – und zog 2002 zusammen mit seiner Partnerin von Schottland ins unterste Unterengadin. Bis 2011 war er als Orgelbauer bei verschiedenen Orgelbaufirmen in der Schweiz und im Veltlin tätig, dann gründete er seine Firma «Koch Orgelbau». Dies sei an dieser Stelle zuerst erwähnt, denn geplant war ein anderes Orgelgeschäft zwecks Weiterführung zu übernehmen. Daraus wurde dann nichts, was dem Einsatz und dem Auftragsvolumen von Koch in keiner Weise abträglich war. Die stabile Auftragslage lässt sich durchaus mathematisch begründen. Koch schätzte die Zahl der Orgeln in der Schweiz auf rund 3500. Die Gesellschaft Schweizerischer Orgelbaufirmen zählt zehn Firmen als Mitglieder auf, die Anzahl der Orgelbauenden in der Schweiz schätzt Koch auf rund 120 und weist darauf hin, dass jährlich rund zwei Personen die Lehre abschliessen und dass das weniger seien, als jährlich in Pension gingen. Ein Beruf mit sicherer Zukunft also, dem auch KI kaum was wird anhaben können.

Sorgen für den guten Ton: Die Orgelpfeifen mit dem gut sichtbaren Labium, der Kante über welche die Luft hinwegzieht und so Töne erzeugt.
Sorgen für den guten Ton: Die Orgelpfeifen mit dem gut sichtbaren Labium, der Kante über welche die Luft hinwegzieht und so Töne erzeugt. © Jürg Wirth

Von Hand und nach Gehör

Was aber macht Koch, wenn er eine Orgel zu revidieren hat, zum Beispiel diejenige im Münster Allerheiligen in Schaffhausen, das von 1090 bis 1095 gebaut wurde? Notabene dem grössten romanischen Sakralbau der Schweiz. Die Orgel datiert aus dem Jahr 1958.

Das Orgelbauerteam baut alle Pfeifen aus und reinigt die Orgel und die Pfeifen. Undichte Stellen im Windwerk werden repariert. Altes, brüchiges Leder an Bälgen und Dichtungen wird ersetzt. Mechanikteile der Spiel- und Registriervorrichtungen müssen revidiert und neu einreguliert werden. Anstelle der elektrischen wurden elektronische Spielhilfen eingebaut, und die Orgel wurde nachintoniert und frisch eingestimmt. Die Reinigung von 3500 Pfeifen beschäftigte das Team aus zwei bis sechs Personen für zehn Wochen.

Oft gehe es bei Revisionen darum, den Klang der Orgel wieder zu verbessern, aufzufrischen, zu klären. Dieser stumpfe mit der Zeit ab, weil sich in der Pfeife im Bereich der Tonerzeugung Schmutz und Russ ablagern. Nach der Reinigung der Pfeifen intoniert Koch nach, probiert aus, ob die Lautstärke der Pfeifen ausgeglichen ist, jede Pfeife richtig anspricht, klingt und den richtigen Ton ergibt. Falls nicht, passt er allenfalls etwas an, was er von Hand und nach Gehör erledigt, eine zeitaufwendige Arbeit, die vollste Konzentration verlangt.

Die Orgel der reformierten Kirche Martina ist im Chor angegliedert und auch nicht so gross.
Die Orgel der reformierten Kirche Martina ist im Chor angegliedert und auch nicht so gross. © Jürg Wirth

Organist in spe

Selbstredend, dass Koch die Orgel nicht nur revidieren, sondern auch einige Stücke auf ihr spielen kann, sonst wäre es schwierig, wieder den richtigen Klang zu finden. Eine kleine Kostprobe seines Könnens gibt er auf der Kirchenorgel der reformierten Kirche in Martina, einem kleineren Exemplar, das entgegen häufiger Gepflogenheiten im Chor steht und nicht auf der Empore an der Rückwand. Er kann sich dereinst durchaus ein Leben als Organist vorstellen, allerdings erst nach der Pensionierung. Denn vorerst geht’s weiter zu den verschiedensten Orgeln des Landes und darüber hinaus. Die nächsten Stationen sind die Kathedrale Genf sowie die Pfarrkirchen Disentis und Pontresina.

Aber wer weiss, in einigen Jahren dann drehen sich die Jüngeren nach Koch um und die Älteren freuen sich am eindrücklichen Klang von Stille Nacht und anderer Kirchenlieder.

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