Im warmen Dampf der Bäderlandschaft steht Jensen Marth aufmerksam am Beckenrand, den Blick über die Badegäste gerichtet. Seit 30 Jahren sorgt der diplomierte Bademeister im Bogn Engiadina Scuol dafür, dass sich Einheimische und Gäste im warmen Mineralwasser sicher fühlen.
Dass er einmal in Scuol leben würde, war keineswegs sein Plan. Geboren und aufgewachsen in Davos, wollte er nach der Ausbildung zum Koch die Welt sehen. Den Weg nach Scuol – zurück in das Elternhaus seiner Mutter – hat er erst viele Jahre später gefunden. Sein Urgrossvater Nils Jensen Holm kam aus Dänemark ins Unterengadin und war der erste Immigrant, der in Scuol die Einbürgerung erhielt, wie Jensen Marth stolz erwähnt.
Der Australier
Der junge Jensen wanderte nach der Lehre aus nach Aspen/Colorado und von dort weiter nach Australien. Im «Conrad Hilton» an der Gold Coast in Queensland arbeitete er sich hoch zum Penthouse-Koch und erfreute mit seinen auserlesenen Kochkünsten die hochrangigen Gäste. «Ich beantragte die australische Staatsbürgerschaft und erhielt in einer feierlichen Zeremonie den australischen Pass», erzählt Jensen Marth. «Nun war ich australisch-schweizerischer Doppelbürger mit allen Rechten und Pflichten.» Als sich eine militärische Einberufung abzeichnete, begann er jedoch umzudenken. «Ich war nicht bereit, in einen fremden Krieg zu ziehen, Menschen zu töten und mein Leben aufs Spiel zu setzen.» 1995 kehrte er endgültig in die Schweiz zurück.
Der Bademeister
Der Zufall – oder vielleicht das Schicksal – führte ihn ins Unterengadin. Im Bogn Engiadina Scuol wurde damals ein Bademeister gesucht. Jensen Marth bewarb sich – und bekam die Stelle. Er absolvierte das Schwimmbrevet, den Nothelferkurs und später berufsbegleitend die Ausbildung zum diplomierten Bademeister und Betriebssanitäter. Heute, drei Jahrzehnte später, kann er sich kaum einen anderen Beruf vorstellen. Wenn Jensen Marth von seiner Arbeit berichtet, spürt man seine Freude, aber auch sein Verantwortungsbewusstsein. «Ich liebe den Kontakt mit den Menschen», sagt er. «Hier kommen Gäste aus der ganzen Welt zusammen. Man führt Gespräche, begegnet sich immer wieder – das macht diesen Ort lebendig.»
Der Saunameister
Jensen Marths Arbeitsplatz endet nicht am Beckenrand. Regelmässig steht er auch in der Sauna – bei Temperaturen von bis zu 100 Grad. Als Saunameister führt er die beliebten Aromaaufgüsse durch, bei denen der Duft von ätherischen Ölen durch den Raum zieht und er die Hitze mit kräftigen Wedelbewegungen verteilt.
Die Aufgüsse seien jedes Mal eine kleine Herausforderung, sagt er schmunzelnd. «Bei dieser Hitze muss man konzentriert bleiben.» Während des Rituals behält er die Gäste im Auge. Er achtet darauf, dass sich alle wohlfühlen und niemand die Belastung unterschätzt. Nach dem Saunagang trifft man sich an der Mineralwasser-Bar. «Viele kommen hierher, um etwas für ihre Gesundheit und ihren Körper zu tun, aber genauso wichtig sind die Begegnungen und der Austausch», ist der Saunameister überzeugt. Diese Momente schätzt er besonders. In der warmen, entspannten Atmosphäre entstehen immer wieder nette Gespräche und neue Bekanntschaften. «Hier herrscht eine besondere Harmonie», sagt er. «Das gibt mir sehr viel.» Für Jensen Marth ist das Bogn Engiadina Scuol längst mehr als ein Arbeitsplatz. «Das hier», sagt er und blickt über die Bäderlandschaft, «ist mein Daheim.»
Den Ausgleich findet Jensen Marth in seiner Freizeit draussen in der Natur. Oft ist er mit seinem Hund unterwegs, einem Spitz namens Nomi. Nach den Begegnungen im Bad und in der Sauna geniesst er die Ruhe – bevor er am nächsten Tag wieder am Beckenrand steht.