«RTR würde in der heutigen Form aufhören zu existieren»

Jürg Wirth Nicolas Pernet ist Direktor von RTR (Radiotelevisiun Svizra Rumantscha). Im Interview sagt er, wer die Sender hört und schaut - und was eine Annahme der «Halbierungsinitiative» für RTR und das Romanische bedeuten würde. 

Welches ist Ihr Lieblingsidiom?

(Lacht laut) Ich werde mich hüten, dieses preiszugeben. Vallader liegt mir am Nächsten, weil ich in dieser Sprachregion aufgewachsen bin, aber selbstverständlich finde ich alle fünf Idiome gleich schön. Allerdings muss ich zugeben, dass ich zu Beginn, vor fünf Jahren, nicht alle Idiome gleich gut verstanden habe. Da brauchte ich einige Wochen, bis ich drin war.

 

Welches war denn das schwierigste?

Tatsächlich habe ich Surmiran am wenigsten verstanden, aber mittlerweile klappt's sehr gut mit allen Idiomen.

 

RTR ist das Programm für alle Romanischsprechenden. Wie viele schauen das so im Schnitt, und weiss man, aus welchen Sprachgebieten?

Bei unseren TV-Zugpferden «Telesguard» und «Cuntrasts» kommen wir auf 40'000 bis 50'000 Zuschauende pro Sendung. Interessant dabei ist, dass diese nicht nur aus dem romanischen Sprachraum stammen, sondern auch aus dem deutschsprachigen Teil Graubündens und aus der Deutschschweiz an und für sich.

 

Welches sind denn die romanischen Stammgebiete respektive die wichtigsten?

Das sind schon die Surselva, das Surmeir und das Unterengadin, auch weil dort das Romanische noch stark verbreitet ist.

 

Laufen Bestrebungen, die anderen Gebiete auch stärker ans RTR zu binden?

Die laufen eigentlich immer, so können alle Mitarbeitenden in ihrem Idiom berichten, und wir schauen auch bei der Stellenbesetzung darauf, dass die Regionen ausgeglichen vertreten sind.

 

Zurück zu den Deutschsprachigen. Meine Tante zum Beispiel lebt im Unterland, spricht kein Romanisch und schaut trotzdem RTR, weil die Sendungen untertitelt sind. Weiss man, wie viele solche «Tanten» es sonst noch gibt?

Geht man von rund ca. 60'000 bis 80'000 romanischsprechenden Personen in der Schweiz aus, sind es doch einige Leute, die RTR schauen und nicht Romanisch sprechen.

 

Wissen Sie, weshalb diese RTR schauen? Wegen der schönen Bilder?

Tatsächlich gibt es Leute neben dem Stammpublikum, die RTR wegen der schönen Bilder schauen und dabei etwas Ferienfeeling aufkommen lassen. Dann gibt es solche, die besuchen uns, weil ihnen das Romanisch gefällt oder jene, welche im romanischen Sprachraum zweitheimisch sind und sich dafür interessieren, was in ihrer zweiten Heimat passiert. Wir strahlen «Telesguard» und «Cuntrasts» auch auf RSI aus, mit italienischen Untertiteln. So erreichen wir unsere Bewohnerinnen und Bewohner in den Südtälern.

 

Nimmt man bei der Programmgestaltung Rücksicht auf die «Tanten» oder die Leute aus dem Unterland? 

Nicht unbedingt, nein, unser Credo lautet «radikal regional», das steht im Vordergrund, wenn wir unsere Sendungen produzieren. Dies wiederum interessiert dann die Zweitheimischen oder die Leute aus dem Unterland. Ausgenommen hiervon ist die kantonale und nationale Politik, welche bei RTR selbstverständlich auch stattfindet.

 

Geht man eher von einem älteren oder einem jüngeren Publikum aus?

Das hängt ganz vom Kanal ab, auf dem wir senden. Die Jüngeren finden wir sicher auf Social Media wie Instagram, Tiktok, Facebook und den digitalen Formaten. Währenddessen die Älteren eher noch das lineare Programm konsumieren, also TV und Radio. Allerdings produzieren wir für die Jüngeren diverse Podcasts. Auch bei den Älteren schauen nicht mehr so viele linear, sondern catch-up, also später im Internet oder auf SRFinfo.

 

Blickt man aufs Programm und Angebot, hat's relativ viel für die Jungen mit Podcasts und Internetformate wie «Clic». Wird das von denen auch angenommen?

Wir haben einen konzessionellen Auftrag, ein Programm für Junge zu gestalten. Und ja, das wird durchaus angenommen. Bei gewissen Formaten wie beispielsweise dem Podcast «Ils dus da nus» oder den Videos von «battas» weisen wir starke Reichweiten auf. Das heisst, wir sind zahlenmässig dort, wo wir sein sollten, bei einem erfreulichen Marktanteil von einigen 1000 Usern. Das ist in diesem Bereich schon sehr gut. Dazu kommt, dass alles, was wir auf Social Media stellen, eine grosse Reichweite hat und nicht nur von Romanischsprechenden konsumiert wird. Beispielsweise, wenn wir das Rätoromanisch erklären oder Choraufnahmen übertragen, da haben wir unglaubliche Zugriffe. Nun gibt es aber auch Stimmen, die finden, dass zu viel für die Jungen gemacht wird und stattdessen «Telesguard» zu kurz kommt. Beispiel dafür ist die erstmalige Sommerpause dort.

Relativ gesehen investieren wir noch immer nur einen Bruchteil des RTR-Budgets in Formate für Junge. Der grösste Teil fliesst nach wie vor ins Radio und TV. «Telesguard», «Cuntrasts» oder das Radio zu vernachlässigen, das können wir uns nicht leisten. Gemäss Bundesauftrag müssen wir für alle da sein. Zudem sind wir laufend daran, neue Sendungen zu entwickeln, bestehende zu verbessern oder neu auszurichten. So haben wir dieses Jahr unter anderem die Hintergrundsendung «il Magazin» lanciert, ähnlich wie «Echo der Zeit» im Radio. Oder im «Minisguard» konzentrieren wir uns nur noch auf ein Thema.

 

Aber wie ist es nun mit der Sommerpause?

Letzten Sommer haben wir «sil punct» nicht mehr ausgestrahlt, das stimmt. Aber das hat weniger mit Spar- als vielmehr mit Transformationsgründen zu tun. Bei RTR sparen wir nicht nur, sondern investieren die frei werdenden Mittel und Ressourcen gezielt in die Digitalisierung. Auch «Meteo» am Schluss von «Telesguard» haben wir gestrichen und stattdessen auf die Website verlegt. Hintergedanke war, dass heutzutage sowieso fast alle ein Wetter-App haben. 

 

Das dürfte nur der Anfang des Sparens sein. Haben Sie eigentlich schon gepackt?

Sie meinen in Hinblick auf die Volksabstimmung vom 8. März 2026?

 

Ja genau, die «Halbierungsinitiative». Wenn die durchkommt, gibt's RTR nicht mehr oder?

Zumindest nicht in der Form wie heute. Eine Annahme der Initiative würde das Budget der SRG halbieren. Das wäre eine brutale Beschneidung. Wenn das eintrifft, können wir all das, was wir heute anbieten, nicht mehr aufrechterhalten.

 

Wie gehen Sie mit dieser Situation um?

In erster Linie versuchen wir zu erklären, was wir genau machen. Wir wollen ein gutes Programm machen und zeigen, weshalb wir wichtig für die Leute sind. Und was sie durch die Annahme der Initiative verlieren würden.

 

Haben Sie Szenarien bei einem Ja zur Initiative?

Da gibt es Ansätze. Wir wüssten, was auf uns zukommen würde und wie wir zu reagieren hätten.

 

Wie?

Das kann ich nicht sagen. Es ginge vielmehr um eine Einordnung. Jedenfalls würde RTR so, wie es heute dasteht, aufhören zu existieren. Aber wir wüssten noch nicht, was es weiterhin gäbe und was nicht.  Dazu kommt, dass bei einer Annahme der Initiative das Parlament diese in Form eines Leistungsauftrags an uns umsetzen muss. Entsprechend würden wir das ausarbeiten. Sicher wäre, dass vieles in Zürich zentralisiert und produziert würde, denn die SRG könnte die regionale Verankerung, wie es sie heute gibt, nicht mehr aufrechterhalten. Auch würde von dort gesendet werden. Alles was RTR heute anbietet an Information und Dokumentarfilmen, das Kinderprogramm, oder auch Choraufnahmen, die Begleitung junger Talente im Sport, die Unterstützung von Filmen und Festivals, all dies gäbe es vermutlich nicht mehr. Für uns wäre es ein absolutes Drama, ein radikaler Einschnitt. Aber auch ohne Halbierungsinitiative gibt es ein Sparprogramm. RTR-intern werde gesagt, einer von sechs Köpfen müsse gehen. Dabei handelt es sich um das Transformationsprojekt mit dem Namen «Enavant». Der Bundesrat hat entschieden, die Medienabgabe auf 300 Franken zu senken. Dazu kommt die Teuerung und der Rückgang der Werbeeinnahmen. Darum muss die SRG in den nächsten vier Jahren 270 Millionen Franken einsparen. Dabei sollen gewisse Dienste wie beispielsweise Finanzen, Technologie, Produktion und Personal in Zukunft überregional geführt werden, während Fachteams in den Regionen bleiben. Bislang hatten RTR, RSI, SRF oder RTS diesbezüglich jeweils eigene Abteilungen.

 

Dann finden die Vorstellungsgespräche künftig alle in Bern statt?

Nein, es gibt schon noch Personalverantwortliche in den Regionen. Es geht vielmehr darum, Doppelspurigkeiten abzubauen. Gleiches gilt für die Technologie oder die Standards. Da gibt es künftig nur noch eine Linie. Auch ein Personalabbau gehört dazu, die SRG muss 900 Vollzeitstellen abbauen. Wie viele das bei RTR sein werden, kann man noch nicht sagen.

 

Es sind gerade unsichere Zeiten. Ist das für Sie eher spannend oder belastend?

Ich kann gut damit umgehen. Zwar habe ich diese Rahmenbedingungen nicht geschaffen, aber ich versuche jetzt, für unser Unternehmen das Beste daraus zu machen. Für die Mitarbeitenden aber ist die Situation sehr schwierig, ich spüre eine grosse Verunsicherung und muss dafür sorgen, dass sie sich gut aufgehoben fühlen.

 

Wie steht es um Ihre Zukunft, studieren Sie Stellenangebote?

Nein, selbstverständlich schaue ich keine Stelleninserate an. Denn durch diese Situation müssen wir durch, alle gemeinsam. Aber ich muss auch das Sparprogramm vorwärtstreiben, was ich mit grosser Energie machen werde. Wenn du bei der SRG arbeitest, glaubst du an etwas respektive bist überzeugt davon, dass es die SRG für eine funktionierende Demokratie braucht. Daraus ziehe ich meine Energie.

 

Halbierungsinitiative und Sparvorgaben des Bundes zeugen auch von einem generellen Misstrauen gegenüber den Medien, dem Staatsmedium. Wie konnte es so weit kommen?

Dazu hat sicher die zunehmende Polarisierung beigetragen, wobei es bei uns ja fast noch heilig ist, im Vergleich zu anderen Ländern. Aber viele Leute leben heute in ihrer eigenen Bubble, befeuert durch die sozialen Medien, welche die Inhalte zeigen, die die Leute wollen. Gerade im Moment sind die meisten News auch nicht erfreulich, weshalb sich auch Menschen davon abwenden.

 

Immer wieder wird der SRG oder auch RTR vorgeworfen, sie seien zu links. Was entgegnen Sie darauf?

Ich nehme das nicht so wahr und frage mich, woher dieser Vorwurf immer noch kommt. Wir haben kritische Journalistinnen und Journalisten im Haus. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie Sachverhalte hinterfragen und nicht alles glauben, was ihnen erzählt wird. Schon möglich, dass dadurch das Bild des linken Journalisten entsteht. Wichtig ist hier aber, dass die Journalistinnen und Journalisten bei der SRG ganz klare publizistische Leitlinien für eine sachgerechte, vielfältige Berichterstattung haben. Sowohl wir von RTR wie auch die Sender der SRG produzieren auch viele Sendungen für ein nicht-urbanes Publikum wie beispielsweise «Donnschtig-Jass», «Hüttengeschichten» oder «SRF bi de Lüt», das geht oft vergessen.

 

Was würde passieren, wenn diese Sender schwächer würden, wer springt in die Lücke?

Das wäre eine Schwächung der Institution. Ich glaube nicht, dass jemand in die Lücke springen könnte. Oft hört man die Privaten sollen doch Unterhaltung und Sport produzieren. Aber das funktioniert nicht, denn das sind die teuersten Sendungen überhaupt. Infosendungen hingegen sind – im Vergleich dazu – ­viel günstiger herzustellen. Um stärker auftreten zu können, arbeiten wir auch mit den privaten Sendern zusammen, denn die Schweiz ist zu klein, um sich zu bekämpfen.

 

Wie sehen Sie die Zukunft der Medien, sprich, RTR und SRG in fünf Jahren?

Sehr positiv. Wenn wir davon ausgehen, dass die Initiative abgelehnt wird, werden wir auch weiterhin ein hochwertiges Angebot für die rätoromanische Community bieten. Wenn wir uns gut neu erfinden, können wir gemeinsam etwas zukunftsträchtiges aufbauen. Wird die Initiative hingegen angenommen, ist dies der erste Schritt zum Totalabbau der SRG, dann sieht es auch ganz schlecht aus für das Rätoromanische.

Nicolas Pernet will mit seinem Team ein gutes Programm machen und zeigen, weshalb RTR wichtig ist.
Nicolas Pernet will mit seinem Team ein gutes Programm machen und zeigen, weshalb RTR wichtig ist.
Zur Person

Nicolas Pernet schloss 2005 sein Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen (HSG) ab. 2010 promovierte er nach Auslandsaufenthalten an der University of Michigan und der École des Hautes Études Commerciales de Paris (HEC) erneut an der HSG in St. Gallen. Die folgenden zehn Berufsjahre verbrachte er beim Schweizer Medienkonzern Ringier, wo er bis 2020 in verschiedenen Funktionen tätig war. Im Januar 2021 wechselte Nicolas Pernet als Direktor von Radiotelevisiun Svizra Rumantscha (RTR) zur SRG. Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. 

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