Sie zogen nachts los, immer in Gruppen, manchmal zu zweit oder zu dritt, aber nie allein. Im Rucksack die «Marend», meist ein Stück Speck, Käse und Brot – Dinge, die sie auf dem Hof selbst herstellten. Denn der Weg auf den dunklen, schmalen Bergpfaden über den Umbrailpass war lang, beschwerlich und gefährlich. Die Geschichte erzählt von der «Cuntrabanda» (Konterbande), den Schmugglern aus dem oberen Vinschgau.
In den Sechziger- bis anfangs der Siebzigerjahre florierte der Schmuggel in dieser Gegend. Hauptsächlich Zigaretten, aber auch Kaffee und andere Dinge wurden aus der Schweiz auf Schmugglerpfaden nach Italien transportiert. Ein Päckchen Zigaretten kostete in der Schweiz 75 Rappen, die italienischen Marken waren doppelt so teuer. Es war ein lukratives Geschäft, ohne Einbusse für die Schweiz, denn hier wurde die Ware ordnungsgerecht verzollt. Dem italienischen Staat hingegen gingen dadurch beträchtliche Zolleinnahmen verloren.
Für die Schmuggler waren die risikoreichen Touren ein willkommenes Zusatzeinkommen, gab es doch zu jener Zeit in den bündnerischen Südtälern und im Südtirol ausser der Landwirtschaft wenig Verdienstmöglichkeiten. Die damals oft kinderreichen Familien mussten ernährt werden, weshalb sie das Risiko in Kauf nahmen. Wer von den «Finanzieri» erwischt wurde, musste die Ware abgeben und wurde mit Gefängnis bestraft. Wer die Schmuggelware unbehelligt über den Pass nach Italien bringen konnte, übergab diese dort einem Mittelsmann und kassierte seinen Anteil – das Mehrfache eines damaligen Schweizer Tageslohnes.
Der Umschlagplatz für die Schmuggler aus dem Vinschgau war bei Otto Cazin sel. in Sta. Maria. Dieser führte auf dem Umbrailpass einen Kiosk und bezog die Tabakware in grossen Mengen bei einem Grossisten in Basel. Die Schmuggler reisten legal über die Grenze in Müstair in die Schweiz ein und bezogen in Sta. Maria bei Cazin die vorbereitete Ware – bis zu 40 kg schwere «Pinggels» (Pakete) trugen sie auf ihrem Rücken durch die dunkle Nacht. Die italienischen Grenzwächter, die «Guardia di Finanza», hatten die Schmuggler und den Umbrailpass im Visier.
Ehemalige Schmuggler berichten von der gefährlichen Schinderei, die sie mehrmals pro Woche auf sich nahmen. Es kam nicht selten vor, dass sie vor den Patrouillen der italienischen Zöllner flüchten mussten. Aber die Schmuggler hatten Erfahrung und kannten sich im Gelände besser aus als die «Finanzieri», insbesondere im Dunkeln. Ab und zu mussten sie sich auf der Flucht von der schweren Schmuggellast befreien und diese den Verfolgern überlassen. Wer weiss schon, ob dieses in dunkler Nacht gefundene Schmuggelgut immer seinen rechtmässigen und legalen Weg an die italienischen Behörden gefunden hat.