Wer Nonnen für verschlossen oder weltabgewandt hält, wird von Schwester Maria Birgitta schnell eines Besseren belehrt. Sie begegnet ihrem Gegenüber offen, herzlich und mit einem feinen Humor. Das Gespräch in den kühlen, stillen Räumen des Klosters St. Johann entwickelt sich lebhaft – und überrascht immer wieder.
Von Uznach in die Welt
Geboren wurde sie 1962 als Brigitte Maria Oberholzer in Uznach SG. Sie wuchs in einer gläubigen katholischen Familie auf und erinnert sich gerne an ihre behütete Kindheit. Besonders in Erinnerung geblieben sind ihr die Gebete ihres Grossvaters für die armen Seelen, eine Frömmigkeit, die über ihre Mutter auch sie prägte und sie durch Kindheit und Jugend begleitete.
Nach der obligatorischen Schulzeit besuchte sie die Bäuerinnenschule im Kloster Fahr und absolvierte anschliessend eine Ausbildung im Hotelfach. Von einem späteren Klosterleben war damals nichts zu spüren. Sie ging gerne aus, besuchte Rock- und Popkonzerte ebenso wie klassische Aufführungen und legte Wert auf schöne Kleidung. Besonders gern trug sie Mode von Joop. An eine Episode erinnert sie sich noch heute lachend: Weil es einen kurzen Rock nur noch zweimal in Grösse XS gab, kaufte sie kurzerhand beide und nähte daraus einen einzigen Rock. Ganz verschwunden ist die Freude an guter Qualität bis heute nicht. Unter ihrem Ordensgewand trägt sie im Winter manchmal noch eine Tommy-Hilfiger-Jacke. «Meine Mutter sagte immer: Wenn du etwas kaufst, dann gute Qualität – die hält ein Leben lang.»
Auf der Suche
Eine weitere grosse Leidenschaft war das Reisen. Besonders Asien zog sie in seinen Bann. Mehrere Jahre lebte sie in China, wo sie als Kinderbetreuerin in einer Familie arbeitete. Dort begann auch ihre Suche nach dem richtigen Glaubensweg. Der Buddhismus faszinierte sie so sehr, dass sie zeitweise sogar darüber nachdachte, sich dieser Glaubensrichtung zuzuwenden. Doch die Frage nach ihrer Berufung liess sie nicht los. Die innere Zerrissenheit wurde immer grösser und belastete sie zunehmend.
«Hier gehöre ich hin»
Die entscheidende Wende erlebte sie schliesslich in einer katholischen Kirche in Macau. «Ich spürte tief in meinem Inneren: Hier ist mein Platz. Hier gehöre ich hin.» Mit dieser Gewissheit kehrte sie in die Schweiz zurück. Ihre Familie unterstützte ihren Wunsch, ins Kloster einzutreten. Schliesslich führte ihr Weg nach Müstair. Zweimal verbrachte sie eine Probezeit im Kloster St. Johann. Die älteren Schwestern rieten ihr, sich den Schritt gut zu überlegen. Mit 47 Jahren galt sie als Spätberufene, und die Umstellung auf das Klosterleben sei in diesem Alter oft besonders anspruchsvoll. Doch Schwester Maria Birgitta liess sich nicht beirren. Heute sagt sie, sie habe ihre Entscheidung nie bereut. Natürlich frage sie sich manchmal, wie ein anderes Leben verlaufen wäre. Zweifel seien das jedoch nicht. «Es sind einfach Gedanken, die vorbeiziehen.»
Im Rhythmus des Klosters
Als Sakristanin sorgt sie dafür, dass die Gottesdienste vorbereitet werden, liturgische Geräte und Gewänder gepflegt sind und die Kirche jederzeit bereit ist für die Feier der Liturgie. Daneben hilft sie bei der Betreuung der Gäste des Klosters mit – eine Aufgabe, die ihr besonders am Herzen liegt. «Ich bin gerne mit Menschen zusammen», sagt sie. Gleichzeitig empfindet sie das Kloster als den Ort, an dem sie Gott am nächsten ist.
Der Tagesablauf folgt seit Jahrhunderten einem festen Rhythmus. Um 5.30 Uhr beginnt der Tag mit dem ersten Gebet, wenig später folgt das Frühstück. Mehrmals täglich versammeln sich die Schwestern zum gemeinsamen Gebet. Dabei gehe es nie nur um sie selbst, betont Schwester Maria Birgitta. «Wir beten immer auch für andere Menschen.».
Am Sonntagnachmittag bleibt etwas Zeit für sich, die sie gerne mit Lesen verbringt. Im Gemeinschaftsraum steht auch ein Fernseher. Geschaut werden vor allem Nachrichten – und manchmal Sport. «Formel 1 finde ich sehr spannend», sagt sie und lacht.
Vielleicht liegt gerade darin das Überraschende an Schwester Maria Birgitta. Die frühere Weltenbummlerin hat ihre Freude am Leben nicht an der Klostermauer zurückgelassen. Sie hat ihr lediglich eine neue Richtung gegeben.
Die weiteste Reise ihres Lebens führte sie nicht nach China, sondern zu sich selbst.