Wie ist es dazu gekommen, dass du im Schweizerischen Nationalpark (SNP) 1993 als wissenschaftlicher Adjunkt angestellt wurdest?
Die Verwaltung des Nationalparks war damals sehr klein. Neben dem Direktor gab es einen technischen Leiter und eine Sekretärin. Es brauchte eine wissenschaftlich orientiere Person, welche die Forschungsarbeiten im Feld koordinierte und die eigene Huftierforschung aufbaute. Ich war froh, nach einigen Berufsjahren im Unterland, zuhause im Engadin eine interessante und dauerhafte Stelle antreten zu dürfen.
Du warst 33 Jahre beim SNP. Was hat dich an deiner Arbeit fasziniert?
Es ist ein Glück, über 30 Jahre eine vom Menschen ungestörte Entwicklung beobachten zu können. Das öffnet die Augen für die natürlichen Prozesse. Ich habe gelernt, wie schnell oder wie langsam sich Ökosysteme entwickeln, dass es Geduld braucht und wir nicht nach unseren menschlichen Vorstellungen werten dürfen.
Zudem hat sich der Betrieb dauernd entwickelt. Dies ist einerseits fordernd, sorgt aber dafür, selbst immer in Bewegung zu bleiben.
Und wie veränderte sich der Nationalpark über diese ganze Zeit?
Vor allem die Einstellung der Menschen hat sich verändert. Die Besuchenden hatten früher mehr Musse und Verständnis für die Nationalparkregeln. Der Nationalpark war etwas Spezielles, ausserhalb des gesellschaftlichen Trubels. Heute ist der Nationalpark ein «Playground». Ich vermisse den Idealismus und Pragmatismus von früher.
Du konntest auch die Natur des SNP über all’ die Jahre beobachten. Was hast du dort an Veränderungen festgestellt?
Der Wald hat sich entgegen allen Prognosen entfaltet. Die alpinen Weiden sind nicht wie damals befürchtet erodiert. Die Natur entwickelt sich und der Mensch kann lernen, dass seine Prognosen nicht immer richtig sind. Wir können der Natur vertrauen und müssen sie nicht immer in unsere Vorstellungen zwängen. Trotz allem werden die Einflüsse von aussen, wie z.B. der Klimawandel und der damit verbundene Stickstoffeintrag, auch im Nationalpark sichtbar. Der Nationalpark ist kein Rückzugsort für eine heile Welt.
Deine Leidenschaft galt immer den wildlebenden Huftieren. Was fasziniert dich so daran?
Eigentlich waren die Huftiere und die Ornithologie der Grund für mich, nach Zürich an die Universität zu gehen, um mehr darüber zu lernen. Wilde Tiere in ihrer natürlichen Umwelt zu beobachten, ist etwas Faszinierendes. Huftiere leben zwar in mehr oder weniger grossen Rudeln. Jedes einzelne Tier hat aber seine eigene Geschichte und handelt individuell. Dies ist auch der Reiz, den sie auf mich ausüben.
Und diese Faszination lässt sich mit deiner jagdlichen Tätigkeit vereinbaren?
Die heutige Gesellschaft drängt den Tod an den Rand. Er wird einfach ausgeklammert. Ein Kollege hat das einmal als «Kalbskotelettparadoxon» bezeichnet. Er meinte damit, dass wir auf der Weide die schönen Kälber bewundern und anschliessend im Bergrestaurant ein Kalbskotelett bestellen. Der Schritt des Tötens dazwischen wird ausgeblendet.
Der Mensch als Jäger hat schon in der Frühzeit Rituale entwickelt, das Töten eines Tieres auch mental zu verarbeiten. Für mich stehen meine Passion für wilde Tiere und die Jagd in keinem Widerspruch.
Jetzt bist du kürzlich zum Präsidenten von Jagd Schweiz gewählt worden. Wo siehst du in diesem Amt die Herausforderungen?
Die nachhaltige Nutzung der Natur ist eine von der Weltnaturschutzorganisation IUCN anerkannte Massnahme des Naturschutzes. Die Jagd in der Schweiz ist ein Beispiel, wie Nutzen und Schützen funktionieren kann. Jagen heisst auch Verantwortung übernehmen. In diesem Sinne müssen wir die Jagd wieder zurück in die Gesellschaft bringen.
Zum Schluss: Was wünschst du dem SNP für die kommenden 30 Jahre?
Schon in den 1980er Jahren wurde von zu vielen Besuchern im Nationalpark geredet. Es gab sogar eine europaweite Aktion zum Schutz der Nationalparks vor den Besuchenden. Der Name der Aktion war loving them to death. Der Nationalpark soll auch in Zukunft nicht in erster Linie für die Besuchenden da sein, sondern der Schutz der Natur vor menschlichen Einflüssen muss im Vordergrund bleiben.
Der Dialog zwischen dem Nationalpark und der Region muss weiterhin gepflegt und gefördert werden. Dafür müssen beide Seiten das nötige gegenseitige Verständnis aufbringen. Nur so werden Lösungen gefunden, welche sowohl die freie Entwicklung der Natur im Nationalpark als auch ein Leben der Menschen in dessen Umfeld ermöglichen. Auf diese Weise konnte das Hirschproblem gelöst werden und ich hoffe, dass auch gemeinsam Möglichkeiten im Umgang mit dem Wolf entwickelt werden.