Sind die Tiere zufrieden, ist auch Werner Keller gücklich.
Sind die Tiere zufrieden, ist auch Werner Keller gücklich. © zvg

Seit 60 Jahren Hirte

Jürg Wirth Mit 15 Jahren hütete Werner Keller zum ersten Mal Vieh im Val S-charl. Dies tut er immer noch, mit ungebrochener Leidenschaft.

Als ich Werner Keller am Telefon erwische, steht er grad auf dem Mot Vallatscha auf 2500 Meter über Meer. Im Sommer macht Keller das jeden Tag, nicht weil er Bergsportler oder Trailrunner wäre, sondern weil er Hirte und Älpler ist. Seit nunmehr 60 Jahren geht er dieser Passion nach. Sein Arbeitsgebiet ist das Val S-charl, dort betreut er als Hirte und Alppächter die Alp Tavrü mit rund 160 bis 180 Stück Jungvieh. Unterstützt wird er dabei von seinem jüngsten Sohn während dessen Semesterferien und einem Oberstufenschüler aus dem Prättigau. Die Alp Sesvenna hat er ebenfalls gepachtet und der angestellte Hirte dort betreut rund 100 Stück Jungvieh und 35 Mutterkühe.

Nicht nur Älpler, auch Bauer

Zum ersten Mal war der im Rheintal aufgewachsene Werner Keller mit 15 Jahren auf der Alp Plazer im Val S-charl, damals noch mit seinem Vater. Zwei Jahre danach arbeitete er schon als Hirte, mit einer erwachsenen Person als Hilfe auf derselben Alp, wo er 18 Jahre als Hirte tätig war. Seither hat er Graubünden und vor allem das Val S-charl als eine zweite Heimat angenommen.

1977 ergab sich im Dorf S-charl die Möglichkeit, einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb aufzubauen, welcher mit dem Alpbetrieb harmonierte. Dieser Arbeit ging er ebenfalls mit Herzblut nach und wurde dabei von seiner Frau Bernadette und Familie tatkräftig unterstützt. Mittlerweile wird die Landwirtschaft von seinem Sohn Otto und dessen Familie geführt. Die Übernahme des Sohnes ermöglichte es dem in die Jahre gekommenen Werner trotz des Alters den Alpbetrieb weiterhin mit gleicher Präsenz wie in jungen Jahren zu führen. 

Dies tut er, indem er jeden Tag seine Runde zur Kontrolle der Tiere macht. Die genannte Runde von circa 10 Kilometer führt ihn von der Alp Tavrü auf 2121 Meter über Meer bis auf 2500 Meter über Meer des Mot Vallatschas und Mot Tavrü. Nebst den täglichen Kontrollen fällt einiges an Zaunarbeit, Strassenunterhalt und Weidepflege an. Zum Hirten habe er sich berufen gefühlt, erklärt Werner Keller – all die Jahre habe er es immer mit Freude und Leidenschaft gemacht und mache auch gerne noch weiter, solange das die Gesundheit zulasse. Jedes Jahr freue er sich, wenn die Lastwagen mit den Tieren in S-charl ankämen. Dann weiss er, dass der Sommer beginnt.

Bereits seit 60 Jahren geht Werner Keller z'Alp.
Bereits seit 60 Jahren geht Werner Keller z'Alp. © zvg

Goldene Generation

Überhaupt habe er in einer schönen Zeit gelebt, mit einer wunderbaren Generation und einer noch wunderbareren Frau. «Wir haben keine Kriege und Krisen erlebt, ausser Corona. Ansonsten sei es nur immer aufwärts gegangen, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Mittlerweile werde jedoch alles je länger, je schnelllebiger. Zum Glück aber tangiert mich dies auf der Alp weniger.» Obschon sich auch das Älplerleben über die Jahre wandelte, waren es die Winter im Pisten- und Rettungsdienst Davos, wo ihm diese Schnelllebigkeit besonders ins Auge fiel. Somit hat er Mensch im Winter und Tier im Sommer vor Gefahr bewahrt. Scherzhaft meint er, dass es sich im Sommer aber wesentlich einfacher als im Winter gestaltet hätte. Dennoch habe er damals den Ausgleich zum Sommer auf der Alp im Winter geschätzt. 

«Wenn das Vieh gemütlich und zufrieden weidet, ist das immer ein schöner Anblick, da geht mir das Herz auf und es gibt mir inneren Frieden», beschreibt er. Dabei hätten sich die Tiere im Laufe der Zeit durchaus verändert, sagt er. Früher lebten die Kühe in Anbindeställen, hatten aber einen engen Kontakt zum Bauern, der sie auch zweimal am Tag zum Brunnen führte, die waren alle handzahm. Verletzte sich ein Tier, konnte ich mich dem problemlos nähern. Heute fliehen sie oft, und zeigen rasch eine gewisse Scheu. 

Leben mit der Natur

Doch nicht nur das Vieh hat sich verändert, sondern auch das Wetter. Und das kann Keller belegen, denn fast seit Beginn seiner Alpzeit hat er die wichtigsten Wetterdaten notiert. Dabei ist ihm auch aufgefallen, dass es immer wärmer wird – Stichwort Klimaerwärmung – obwohl er sich auch noch an den Hitzesommer von 1976 erinnert. So wurden beispielsweise Schneewetter im Sommer ein selteneres Vorkommnis als noch vor 20 Jahren. Dafür sei das Wetter extremer geworden, Unwetter häufiger und stärker. Sagts und erklärt, dass bei einer Quelle just das Wasser verschwunden sei, er dies aber erst wieder bei «obsigänt» neu fassen könne, weil man Quellen eben nur bei «obsigänt», sprich aufsteigendem Mondknoten fassen dürfe. Keller lebt nicht nur in der Natur, sondern auch mit der Natur. 

Wetteränderungen erkennt er nicht nur auf der App, nebst dem Wetterbericht hört Keller auch auf seine Intuition und beobachtet die Winde und Wolkenbilder vor Ort. So konnte er sich gegen Schnee und extreme Wetter wappnen und Tierabstürzen vorbeugen. Keller sagt aber auch, dass heisse Sommer Gefahren mit sich bringen. So werden die harten Böden und die trockene Vegetation zu Gefahrenquellen für die weidenden Tiere, da die Trittsicherheit eingeschränkt ist und Rutschgefahr entsteht.

Jetzt aber geht er den Hang hinunter, sicheren Schrittes, weiter auf seiner Runde, wie jeden Tag im Sommer, seit 60 Jahren.

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