Düde Dürst, Bandgründer und Schlagzeuger von KROKODIL, Sie werden im November 80 Jahre alt.
Hätten Sie am Anfang ihrer Musikerkarriere in den 60igern jemals gedacht, dass Sie mit achtzig noch auf der Bühne Schlagzeug spielen würden?
Sicher nicht. Als ich als Jungspund bei Les Sauterelles als Profimusiker begann, hätte ich noch nicht einmal gedacht, dass ich mit 30 noch Musik machen würde. Ich war zu der Zeit voll im Saft und konnte mir nicht vorstellen, dass in 30 Jahren noch jemand diese Musik hören möchte.
Wie war es denn Mitte der 60er Jahre, als Sie mit Musik begonnen haben? Können Sie einen kleinen Einblick geben?
Die Sauterelles waren eigentlich eine Cover-Band, man nannte uns Swiss-Beatles, weil wir viele Beatles-Stücke coverten. Das gefiel den Leuten, das wollten sie hören. Doch Ende 1968 begann die Zeit des Progressive-Rock. Ich hatte genug vom Covern, also Songs von anderen Bands nachzuspielen. Ich wollte eine Band mit eigenen Songs und eigenem Sound. Also verliess ich Les Sauterelles und gründete mit Hardy Hepp die Band KROKODIL. Schnell kamen dann Walty Anselmo als Gitarrist, Terry Stevens am Bass und Mojo Weideli mit der Mundharmonika dazu.
Und da haben Sie eigene Stücke geschrieben?
Ja genau. Das war wichtig, wir wollten keine Covers mehr machen, sondern Prog-Rock, wie dieser Stil hiess. Zu Beginn war das aber schwierig, denn die Leute hörten am liebsten Covers. Und weil unsere Musik noch nicht bekannt war, wollte uns auch niemand engagieren. Zum Glück konnten wir dann aber einen Plattenvertrag mit dem Label Liberty Records abschliessen. Der Chef Sigi Loch kannte Hardy Hepp von früher, als Hardy noch Schlagersänger war. Wir nahmen dann ein Demo-Band auf, welches Sigi Loch so gut fand, dass es die Plattenfirma sofort veröffentlichte und wir damit auf Tour gingen. Jeden Tag haben wir in Clubs gespielt. Wir waren mit CAN, AMON DÜÜL und URIAH HEEP auf Tour und spielten u.a. als Vorgruppe von PINK FLOYD. Das lief gut bis ca. 1974/75, dann löste ich Krokodil auf.
Wieso denn?
Damals kam Disco auf. Wenn ich einen Gig reinholen wollte, sagten mir die Verantwortlichen in den Clubs: «Wir können einen DJ engagieren, der kostet praktisch nichts und der Club ist trotzdem voll». Dann hatten wir in der Band aber auch Probleme mit Drogen.
Erzählen Sie mehr:
Die Prog-Rock-Szene war weltweit bekannt für ihren Konsum von Drogen. Auch wir haben gekifft und LSD geschluckt und damit musikalisch experimentiert. Ich habe seit der Auflösung der Band bis heute keine Drogen mehr genommen.
Damals war es auch hip, aufs Land zu ziehen und grosse Wohngemeinschaften zu gründen. Waren Sie da auch dabei?
Nein, das hat mich nie interessiert, ich bin Stadtzürcher durch und durch und habe mein ganzes Leben in der Stadt gewohnt und wohne auch jetzt noch im Niederdorf.
Nach Krokodil spielten Sie kurze Zeit als Perkussionist bei Pepe Lienhard, später machten Sie unter anderem mit Klaus Doldinger Jazz-Rock, mit Jo Geilo and The Heartbreakers eher Funk und Soul. Sie sind also in den verschiedensten Stilrichtungen unterwegs, wie kommt das?
Aufgewachsen bin ich mit Jazz, denn meine Geschwister waren 8 und 12 Jahre älter als ich und hörten Jazz. Meine Eltern hörten klassische Musik und Oper. Anfangs wollte ich denn auch Jazz-Musiker werden und begann Posaune zu spielen. Schnell merkte ich jedoch, dass das nichts werden würde. Dann wollte ich Gitarre lernen, allerdings schlug mir die Lehrerin immer mit einem Stock auf die Finger, worauf ich das auch beendete. Da kam ein Kollege zu mir, der Beat-Musik machte und dessen Band einen Schlagzeuger suchte. Ich solle doch mal probieren, hat er gemeint, das tat ich und seither spiele ich Schlagzeug.
Nutzen Sie zum Musikhören auch Streaming-Dienste?
Streamen ist nicht mein Ding. Ich besitze etwa 4000 LPs und etwa gleichviele CDs, da habe ich selber eine Riesenauswahl an Musik zuhause, von Jazz, Blues, Pop, Rock, Folk und vielem mehr. Mich freut, dass die Jungen auch wieder vermehrt CDs oder LPs kaufen. Im Gegensatz zum Streamen oder bei Playlists müssen sie dann die Künstler nicht extra googeln, sondern können das Booklet lesen und erfahren so viel über die Bands.
Sie führen seit jeher ein Leben von und für die Musik. Können Sie auch davon leben?
Eigentlich schon, auch weil ich noch ein zweites Standbein habe. Ich besuchte die Kunstgewerbeschule in Zürich. Allerdings habe ich die Lehre als Grafiker kurz vor dem Abschluss abgebrochen, weil ich da bei den Sauterelles als Profimusiker einsteigen konnte. Schön ist, dass ich die Grafik mit der Musik verbinden kann, denn ich gestalte viele Plattenhüllen und Konzertplakate.
Sie erwähnten, dass sich KROKODIL 1974 aufgelöst hat. Unterdessen gibt es die Band aber wieder mit neuen Mitgliedern, wie funktioniert das?
Genau, neben Terry Stevens und mir spielen Adi Weyermann und Erich Strebel mit. Beide sind ebenfalls Musiker mit Leib und Seele. Adi, seines Zeichens Gründungsmitglied der Skate-Punk-Band Crank habe ich als eigentlichen KROKODIL-Fan kennengelernt. Er betreute früher das Schulhaus-Archiv der Kanti Wetzikon und ist dort auf KROKODIL-Material gestossen. Diese Musik hat er mittlerweile verinnerlicht, wie ich dann erfreut feststellen durfte, als wir uns vor etwa 25 Jahren zum ersten Mal getroffen haben. Mit Erich Strebel habe ich schon bei JO GEILO HEARTBREAKERS gespielt. Wir haben uns eigentlich nie ganz aus den Augen verloren.
Ein Revival in der Original-Besetzung war nie ein Thema?
Doch, doch, das war schon ein Thema. Im Jahr 2000 bekam ich von Rockpalast, einer Musik-Fernsehsendung in Deutschland, eine Anfrage, ob wir mit KROKODIL spielen wollten. Darauf haben wir uns in der Originalbesetzung für eine viertägige Probe getroffen. Das war aber sehr schwierig. Als wir dann am vierten Tag «Rieselämpe» hatten, habe ich das Ganze abgeblasen.
Wieviel dürfen die neuen Musiker einbringen? Wo KROKODIL draufsteht, soll auch KROKODIL drin sein, oder?
Ja, das schon. Aber sie bringen schon auch ihre Ideen ein und entwickeln so den Sound von KROKODIL weiter.
Wer kommt an ihre Konzerte?
Da sind alle Alterskategorien vertreten, viele in unserem Alter. Aber es freut uns, dass 10 bis 30 % junges Publikum mit dabei ist.
Am 29. August ist Konzert in Tschlin. Was erwartet die Besucher?
Progressive Rock-Musik, eine Prog-Rock-Band der ersten Stunde mit psychedelischem Underground-Sound.
Und wie lange machen Sie noch Musik?
Ich hoffe, noch lange. Wir werden sehen.
Krokodil-Konzert Tschlin
1. Konzert der neuen Tournée.
19.30 Türöffnung,
20.00 Bengiamin Denoth.
20.30 Konzert.
Eintritt: CHF 40.
Reservationen + Übernachtung: urskell@bluemail.ch od. 079 / 656 14 47