«Ich freue mich auf die Europameisterschaften»

Jürg Wirth Flurina Eichholzer aus Zernez war mit 20 Jahren Langlauf-Spitzensportlerin, hat es dann eine Zeitlang ruhiger angehen lassen, bis sie vor ein paar Jahren mit Trailrunning begonnen hat. Jetzt kann sie an die Europameisterschaften im Trailrunning. Wie das für sie ist und was sie sonst noch macht, erklärt sie im Interview.

Wann sind Sie zum letzten Mal einen Berg nur hochspaziert?

Das weiss ich nicht mehr, das kann ich gar nicht sagen. Wenn es geht, dann renne ich eigentlich immer den Berg hoch, ausser der Berg ist zu steil. Dann muss ich laufen.
Doch, im letzten Oktober standen wir zum Sonnenaufgang auf dem Piz Daint – ein stiller Morgen, den ich mit meiner Tochter geniessen durfte, da sind wir hochgewandert.

 

Normalerweise rennen Sie hoch und auch wieder runter. Worin liegt für Sie der Reiz dieser Sportart?

Jau sgalop simplamaing jent, heisst, ich renne einfach gerne. Ich schätze die Kleinigkeiten: den Wald, die Tiere, die Berge, die Ruhe der Natur — und das Gefühl, beim Rennen einfach frei zu sein.
Das Schöne am Rennen ist auch, dass es dazu nur gute Schuhe braucht und nichts weiter.  

 

Nehmen Sie denn die Umwelt, sprich Natur und Tiere, überhaupt war, wenn Sie rennen?

Ich muss zwar schon auf den Weg achten, kann aber trotzdem auch umherschauen und erblicke immer wieder Tiere, Gämsen, Rehe, Hirsche. Am besten ist es eigentlich, wenn ich mit meinem Sohn rennen gehe, er hat ein sehr gutes Auge für die Natur und sieht immer viele Tiere. Sehe ich dann Tiere, bleibe ich schon auch stehen und betrachte sie ausführlicher, auch aus Respekt vor der Natur.

 

Sie arbeiten 20 Prozent bei der Gemeinde Zernez. Wie oft gehen sie denn rennen?

Am liebsten jeden Tag, das muss auch nicht immer lang sein, auch eine kurze Runde bringt mir schon viel. Ein Ruhetag pro Woche wird jedoch gemacht. In letzter Zeit bin ich zwischen 60 und 80 km in der Woche gelaufen, bei jeder Trainingseinheit probiere ich im Minimum 400 Höhenmeter einzubauen. Jetzt beginnen auch wieder die Seeläufe in Davos, welche jede zweite Woche stattfinden. Aus meiner Sicht sind die besten Trainings, wenn man eine Startnummer trägt. Da nehme ich wenn immer möglich teil. Auch meine Kinder Gianna und Nicola machen ebenfalls mit. Ich geniesse es sehr, wenn ich mit meinen Kindern rennen kann.

 

Wenn ich wandere, muss ich aufpassen, dass ich nicht den Fuss verknackse. Wie macht man das beim Rennen? Man trägt da ja keine Wanderschuhe?

Das ist schon auch Übungssache, ich renne oder wandere eigentlich von klein auf. Früher war ich viel mit meinem Vater in den Bergen. Er war selbständig als Schreiner tätig. Nach der Arbeit gingen wir oft mit dem Bike bis Prà da Vau, danach weiter zu Fuss bis zum Kamm. Wilde Tiere haben wir bis knapp zur Dämmerung beobachtet. Dann mussten wir jeweils schnurstracks runter, damit wir noch vor Einbruch der Dunkelheit ankamen.. Das gibt schon Übung und Routine und eben Trittsicherheit. Mit meinem Vater habe ich dann auch die Tiere geborgen, die er auf der Jagd geschossen hat, da gings oft durch unwegsames Gelände, das hat man nachher einfach drin.

 

Sie trainieren ja nicht nur, sondern nehmen auch an zahlreichen Läufen teil. Meistens gewinnen Sie diese oder stehen zumindest auf dem Podest. Sind Sie ehrgeizig?

Ich bin ehrgeizig, aber vor allem schaue ich für mich. Wenn ich eine Startnummer trage, motiviert mich das einfach zusätzlich. Ich versuche dann, mein Bestes zu geben und gehe dabei immer an meine eigenen Grenzen.

 

Seit einigen Jahren nehmen Sie wieder an Bergläufen und Trailruns teil, doch bereits früher haben Sie Spitzensport betrieben.

Ja, früher habe ich intensiv Langlauf gemacht, da hab ich es im Jahre 2000 ins B-Kader des Schweizer Langlaufteams geschafft und 2001 war ich an der Junioren-WM in Polen und habe auch an anderen internationalen Rennen teilgenommen. Doch bis ganz zuoberst habe ich es nie geschafft. Wahrscheinlich fehlte mir in dem Alter das letzte Quäntchen Motivation. Dann absolvierte ich zu der Zeit auch meine KV-Lehre. Es war nicht immer einfach, neben der Lehre zu trainieren. Schliesslich hat mich aber vor allem das Pfeiffersche Drüsenfieber gestoppt, da bin ich zwei Jahre ausgefallen und danach war es vorbei mit Spitzensport. Wahrscheinlich habe ich doch zu viel trainiert oder einfach nicht richtig. Jedenfalls habe ich dann zwei, drei Jahre gar nichts mehr gemacht.

 

Und wie kams zum Wiedereinstieg?

Der war eigentlich sehr sachte und begann mit meinem Mann, den ich damals kennenlernte. Zusammen sind wir oft Biken oder Radfahren gegangen, da habe ich dann auch bereits wieder am Nationalpark Bike-Marathon oder am Engadin Radmarathon teilgenommen. Mein Mann ist auch Mitbesitzer einer Hütte und dort sind und waren wir oft. Anstatt einfach nur hochzulaufen, habe ich jedes Mal versucht, schneller zu sein und bin gerannt. Da war ich dann so um die 26. Mit 27 wurde ich zum ersten Mal Mutter und 2,5 Jahre später wurde ich das zweite Mal Mutter – zwei der schönsten Momente in meinem Leben, als unsere Tochter Gianna und unser Sohn Nicola das Licht der Welt erblickten. Mutter sein ist sehr schön, aber auch intensiv. Wenn mein Mann zu Hause war und auf unsere Kinder aufgepasst hat, habe ich mir jeweils die Zeit genommen, eine kleine Runde zu laufen. Das tat gut – auch wenn es nur ein kurzer Moment für mich war. Nach und nach ging ich dann mit anderen jungen Müttern wieder Rennen und Biken.

 

Aber es blieb nicht nur beim Training?

Nein, mein Vater hat mich dann eines Tages motiviert, mich für ein Rennen anzumelden. Das war das Vertical St. Moritz – Piz Nair, das habe ich dann grad gewonnen. Ich bekam wieder Lust, an Rennen teilzunehmen und bestritt mehrere Laufrennen in der Region. So bestritt ich 2023 die Schweizer-Meisterschaften im Halbmarathon in Ascona-Locarno und wurde Schweizermeisterin W40. Bei Pontresina-Piz Languard habe ich viermal teilgenommen und jedes Mal gewonnen, letzten Sommer sogar mit Streckenrekord. Den Scuol Trail habe ich dreimal gemacht und jedes Mal gewonnen, letztes Jahr ebenfalls mit Streckenrekord, zweimal war ich am Transruinaulta Marathon und hab beide Male gewonnen, letztes Jahr mit Streckenrekord, dreimal absolvierte ich den Maloja Lauf und habe immer gewonnen, letztes Jahr mit Streckenrekord.

 

Sie gewinnen praktisch alle Rennen, an denen Sie teilnehmen, gibt es da überhaupt noch Ziele?

Primär soll immer die Freude am Laufen im Vordergrund stehen. Doch bei mir ists grad noch ein wenig mehr. Letzten Februar habe ich auf Instagram eine Nachricht vom Nationaltrainer Trailrunning bekommen. Er schrieb mir, dass er meine Resultate in den letzten Jahren verfolgt hat und dass ich tolle Wettkämpfe hatte. Er fragte mich, ob ich Lust hätte, an der Selektion für die Europameisterschaften teilzunehmen. Als ich diese Nachricht gelesen habe, bekam ich Freudentränen. Natürlich wollte ich und habe an den drei Qualifikations-Rennen teilgenommen. Das erste Rennen war Ende März. Ich konnte quasi mit meiner Tochter gehen, sie war an den Langlauf-Schweizermeisterschaften in Les Diablerets und ich an meinem Rennen in Aigle, ebenfalls Schweizermeisterschaften. Ich erreichte Rang 4 in der Gesamtwertung, in der Kategorie U40 wurde ich Schweizermeisterin. Mitte April war ein weiteres Qualifikationsrennen für up and down in Biel. Das habe ich knapp gewonnen. Auf der Rückreise bekam ich eine Nachricht vom Nationaltrainer, dass ich mich für die Europameisterschaft in der Disziplin up and down qualifiziert habe. Ich war überglücklich. Nun stand noch das Qualifikationsrennen für den Berglauf in Hägendorf an. Dort wurde ich dritte und qualifizierte mich für den Berglauf an den Europameisterschaften. Diese finden anfangs Juni in Slowenien statt.

 

A propos Tochter oder Sohn, Ihre ganze Familie ist sehr sportbegeistert, oder?

Ja das ist sie. Von klein auf sind wir viel wandern gegangen. Ich erinnere mich gerne an diese schöne Zeit. Gianna absolviert jetzt die Lehre als Drogistin bei der Drogaria Stadler in Scuol mit einer speziellen Vereinbarung, damit sie trainieren kann. Nicola macht seit einem Jahr ebenfalls gerne Langlauf, vorher hat er Hockey gespielt. Beide trainieren mit Odd Kare Sivertsen an der Sportklasse in Ftan. Mein Mann Marco treibt ebenfalls gerne Sport, wenn er denn Zeit hat. Vor allem aber unterstützt er uns, wo er kann, sei es mit Skiwachsen oder Begleitung an die Langlaufrennen. An die letzten zwei Qualifikationsrennen hat er mich ebenfalls begleitet und unterstützt. Es war ein schönes Abenteuer, wieder einmal nur mit meinem Mann alleine unterwegs zu sein. Seine grosse Leidenschaft ist jedoch die Jagd.

 

Und freuen Sie sich auf die Wettkämpfe an den Europameisterschaften?

Ja sehr, auch weil ich in zwei Disziplinen starten kann, den Berglauf und den up and down, also dem eigentlichen Trailrunning. Mit meinen 43 Jahren bin ich da sicher mit Abstand die Älteste. Ich freue mich riesig auf dieses Erlebnis. Ich bin auch stolz im Nati-Dress für die Schweiz anzutreten und zusammen mit dem Team anzureisen und dort mit ihnen zusammen zu sein.

 

Trainieren Sie denn jetzt noch speziell auf die EM hin?

Bis jetzt erstelle ich mein Trainingsprogramm selber, gestützt auf Erfahrungen aus der Vergangenheit. Dabei orientiere ich mich teilweise am System meines früheren Langlauftrainers Odd Kare Sivertsen. Auch bin ich sehr froh, wenn ich ihn ab und zu nach Rat fragen kann. Doch kenne ich meinen Körper gut und weiss, was er braucht. Intensive Einheiten sind wichtig, genauso aber auch die Erholung. Ich habe keine Angst, etwas falsch zu machen, man muss an sich glauben und gut auf den eigenen Körper hören, das ist sicher wichtig. Der Nationaltrainer hat für mich Intervall-Methoden für den Berglauf und für den up and down zusammengestellt. Er hat jedoch gemeint, dass ich nicht viel am Plan ändern muss.

 

Und die Ernährung haben Sie auch angepasst?

Nein, nicht wirklich. Ich esse immer noch dasselbe wie früher. Das kann auch mal Kaiserschmarren sein. Fleisch esse ich ebenfalls, aber nur Wild aus eigener Jagd, das dünkt mich am gesündesten. Nach einem anstrengenden Training oder Rennen nehme ich aber schon auch einen Regenerations-Shake, um meinen Körper wieder aufzufüllen.

 

Und welches sind Ihre Ziele für die EM?

Mein Ziel an den Europameisterschaften ist es, mit Freude an den Start zu gehen und wie immer mein Bestes zu geben. Ich weiss nicht genau, was mich erwartet, und lasse das Resultat rangmässig auf mich zukommen – ohne Druck.

 

Zur Person:
Flurina Eichholzer ist sportbegeistert, genauso wie ihre ganze Familie. Mit 20 Jahren war sie im B-Kader der Schweizer Langläuferinnen und jetzt steht sie vor ihren ersten Europameisterschaften im Trail-Running.

Flurina Eichholzer ist stolz, den Schweizer Natidress tragen zu dürfen.
Flurina Eichholzer ist stolz, den Schweizer Natidress tragen zu dürfen. © zvg
Trailrunning für alle

In der Region gibt es verschiedene Trailrunning-Wettkämpfe, für alle die diesen faszinierenden Sport auch mal ausprobieren möchten.

Scuol Trail
Am 27. Juni findet der Scuol-Trail statt, mit vier verschiedenen Strecken, so dass für alle etwas dabei ist. Alle Infos unter: scuol-trail.ch

Terra Retica Trails
Zwischen dem 30. Juni und dem 4. Juli startet ein völlig neues Format im Trailrunning, das ein bisschen an eine Tour de France erinnert. Man läuft die schönsten Trailrunning-Strecken der 5 Erlebnisregionen Kaunertal, Tiroler Oberland, Engadin, Nauders und Reschensee – alle zwischen 15 – 27 km und 1100 – 1700 hm. Es gibt bei uns mit Sicherheit kein Event, das landschaftlich so attraktive und abwechslungsreiche Strecken hat. Ein absolutes Highlight für jeden Trailrunner.
Infos unter: terra-raetica-trails.com

Stelvio Run
Am 18. Juli 2026 findet wieder der Stelvio-Marathon statt. Die 21 km-Strecke, mit Start in Prad am Stilfserjoch (915 m), führt durch das unverkennbare Bergdorf Stilfs und die Natur des hochalpinen Nationalparks Stilfserjoch. Nach dem Überwinden von 2100 Höhenmetern, überqueren die Läufer die Ziellinie oberhalb der Passhöhe des Stilfserjochs bei der Dreisprachenspitze auf 2845 m, vor der Kulisse der markanten Berglandschaft rund um König Ortler. Diesen Sommer ist es wieder soweit und dieses einzigartige Laufevent findet zum zehnten Mal statt. Egal ob Profi, Hobbysportler oder Wanderer mit oder ohne Wanderstöcke – dabei sein ist alles. Infos unter: stelviomarathon.it

 

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