Diaa Aldeen ist vor kurzem volljährig geworden. Im Mai 2008 in Syrien geboren, musste er bereits in der Kindheit traumatische Erlebnisse verkraften. In seinem Heimatland brach der Bürgerkrieg aus und vertrieb die Familie Al Zoabi aus Syrien in den Libanon, wo sie von 2014 bis 2019 Aufnahme fand. Diaas Familie, das sind seine Eltern und drei Geschwister: die zwei Jahre ältere Schwester, der zwei Jahre jüngere Brüder und eine kleine Schwester, die heute 8 Jahre alt ist. Diaa hat keine Erinnerung mehr an Syrien, er war damals noch zu klein. Aber die Zeit im Libanon hat sich in sein Gedächtnis eingeprägt: «Es war sehr hart, wir hatten kein Geld. Wir wohnten alle zusammen in einem Zimmer und konnten kaum Essen kaufen.» Mit Gelegenheitsarbeit wie Autowaschen konnte sich die Familie über Wasser halten. Gut war, dass Diaa im Libanon die Schule von der 1. bis in die 4. Klasse besuchen konnte. Die Vereinten Nationen half den Flüchtlingen im Libanon und organisierte, dass die Familie Al Zoabi in der Schweiz Aufnahme fand und sich schlussendlich in Scuol niederlassen konnte.
In Scuol wurde Diaa in die 3. Klasse eingeschult und war somit ein Jahr älter als seine Klassenkameraden. Er hatte Mühe, dem Unterricht zu folgen, denn er konnte weder Deutsch noch Romanisch und kannte bislang nur das arabische Alphabet und die arabische Schrift. «Die Lehrer unterstützten mich, aber es dauerte lange, bis ich zurechtkam», erinnert sich Diaa. «Ich fühlte mich verloren.» Ein weiteres einschneidendes Erlebnis war die Trennung seiner Eltern. 2020 verliess der Vater die Familie. Seither übernimmt Diaa zuhause viel Verantwortung – besonders gegenüber seiner Mutter und den Geschwistern. Die Mutter muss jetzt allein für die Kinder sorgen. Sie putzt am Samstag Ferienwohnungen, um die Familie zu ernähren. Diaa Aldeen spricht mit Wärme und Respekt über seine Mutter und seine Geschwister. Die ältere Schwester fand lange keine Lehrstelle, erzählt er: «Wir sind Muslime und in unserer Kultur tragen die Mädchen ab dem vierzehnten Lebensjahr ein Kopftuch, wodurch sie bei der Lehrstellensuche zusätzliche Hürden erlebte. Seit einem Jahr kann sie eine Ausbildung in einer Apotheke machen, wofür wir sehr dankbar sind.»
In Scuol hat sich Diaa gut eingelebt und die Lehre als Elektroinstallateur bei Electra Buin SA macht ihm Freude. Was ihm fehlt, ist das soziale Umfeld. Die Freizeit verbringt er meist allein oder mit der Familie zu Hause, seit sein bester und einziger Freund von Scuol weggezogen ist. «Mit ihm konnte ich lachen, wir spielten Hockey und verbrachten viel Zeit zusammen. Jetzt ist er nicht mehr da, darüber bin ich sehr traurig», sagt er nachdenklich. Er würde auch gerne in einem Verein Fussball spielen, aber für die grösseren Jungs oder Erwachsene gebe es kein regelmässiges Fussballtraining und richtige Spiele. Die Freizeitgestaltung sei nicht so einfach, da es auch mit finanziellem Aufwand verbunden sei wie etwa Snowboarden – ein Wintersport, der ihm zusagt.
Trotz allem ist Diaa zuversichtlich und hat Zukunftsträume. Zuerst will er die Lehre erfolgreich beenden. Die Unterstützung durch Vorgesetzte und Arbeitskollegen im Betrieb schätzt er sehr. «Später – viel später», träumt er, «möchte ich ein eigenes Haus haben, in der Schweiz leben und einmal für Ferien in die Heimat reisen können.»