Als Chefredaktor des ALLEGRA stellen Sie normalerweise anderen Menschen die Fragen. Nun haben Sie ein Buch geschrieben. Wie kam es dazu – und wann entstand die Idee zu «Randulina»?
Der Bauer, von dem ich den Hof übernommen habe, ist mit Ida Spinnler verwandt und er hat mir von ihrer Geschichte erzählt. Ich fand das sehr interessant und habe sie darauf in ihrer Alterswohnung getroffen, in der sie damals gelebt hat. Dort hat sie mir ihre Geschichte in groben Zügen erzählt. Die Alterswohnung hat sie nach vier Jahren verlassen und ist wieder in ihr Haus in Lavin gezogen. Es sei zu langweilig gewesen und gestorben sei sie dann doch auch nicht, obwohl sie davon ausgegangen sei.
Warum gerade Ida Spinnler? Was hat Sie an dieser Frau und ihrer Lebensgeschichte so fasziniert, dass daraus ein ganzes Buch entstanden ist?
Mich hat schon die schiere Länge ihrer Lebensgeschichte fasziniert und was sie in der Zeit alles erlebt hat. Ihr Leben als Randulina auch, weil mich diese Geschichten generell interessieren. Ich habe daraus in Lavin auch den Schwalbenweg gestaltet – sieben Tafeln, auf denen das Leben der menschlichen und tierischen Schwalben erklärt und gegenübergestellt wird. Nach der ersten Begegnung in der Alterswohnung habe ich Idas Geschichte und die Idee, daraus ein Buch zu schreiben, immer mit mir herumgetragen. 2024 habe ich mich schliesslich für einen Werkbeitrag des Kantons Graubünden beworben und diesen tatsächlich erhalten, ab dann wurde die Sache ernst.
Ida Spinnler hat 102 Jahre erlebt – von ihrer Kindheit in Italien über Faschismus und Zweiten Weltkrieg bis zu ihrem heutigen Leben in Lavin. Was hat Sie bei ihren Erzählungen am meisten beeindruckt oder vielleicht auch überrascht?
Auf was sie sich alles eingelassen hat. Zum Beispiel auf die Reisen zurück in den Krieg, auf die Arbeit in der Arztpraxis und im Spital, dann auf das Künstlerleben mit ihrem Mann. Nach der Scheidung von ihm musste sie die drei Kinder allein grossziehen und hat gleichzeitig noch als Lehrerin gearbeitet. Mit ihrem Sohn Martin hat sie einige grosse, leicht verrückte Velotouren unternommen. Sie steckt immer wieder voller Überraschungen.
Der Titel «Randulina» nimmt Bezug auf die Engadiner «Schwalben», die einst ins nahe Ausland zogen. Was erzählt Idas Geschichte über diese Menschen und über das Engadin jener Zeit?
Einerseits, dass es im Engadin um 1900 viele Menschen gab, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben ausgewandert sind. Sie wollten der Armut zu Hause entfliehen, es waren also eigentlich Wirtschaftsflüchtlinge. Im Ausland plagte sie dann das Heimweh, weshalb sie so oft wie möglich in ihre Heimat zurückkehrten, meistens über den Sommer, so wie die Schwalben. Viele von ihnen haben es aber auch zu Wohlstand gebracht, was man an den Häusern im Engadin ablesen kann, welche die Randulins gebaut haben. Auch waren die Randulins wie eine eigene Bevölkerungsgruppe. Schliesslich war das Engadin zu der Zeit noch sehr einfach und die Leute lebten mehr schlecht als recht von ihren kleinen Bauernbetrieben. Dafür existierten mehr Traditionen und Bräuche, welche heute zum grössten Teil ausgestorben sind.
Ida ist mit Rätoromanisch aufgewachsen, besuchte in Piacenza die italienische Schule und lernte später Deutsch. Sie hat sich immer wieder zwischen verschiedenen Welten bewegt. Welche Bedeutung haben Sprache, Herkunft und Heimat in Idas Leben?
Ihre Mutter- und Heimatsprache ist Rätoromanisch, das hat sie in Piacenza zu Hause gesprochen. Selbstverständlich lernte sie auch Italienisch und sprach dieses fliessend. Italienisch brachte sie dann auch ihren Kindern bei, damit diese mit ihren Verwandten in Piacenza kommunizieren konnten. Deutsch hat sie auf die harte Tour in der Handelsschule in Chur gelernt, das wurde dann aber schon auch zur Muttersprache. Gelebt hat sie an verschiedenen Orten, aber der «Anker» oder die Basis war eigentlich immer ihr Haus in Lavin.
Haben Sie Ida bei den Gesprächen einfach erzählen lassen oder gezielt nach bestimmten Erlebnissen gefragt? Und wie wird aus solchen persönlichen Erinnerungen schliesslich ein Buch?
In der Alterswohnung hat sie einfach erzählt. Für die zweite Runde habe ich dann aufgeteilt in Kindheit, Jugend etc., also chronologisch. Dabei gab es aber auch immer wieder Überschneidungen. Schliesslich habe ich ihr Leben etwas «sortiert», das heisst, die verschiedenen Erlebnisse den einzelnen Zeitabschnitten oder Kapiteln zugeordnet. Damit ich ihre Geschichte nicht einfach linear erzählen musste, habe ich sie Fotos raussuchen lassen oder sie tatsächlich am Computer mit Google Earth angetroffen. Dies sind nun die Einstiege in die jeweiligen Kapitel.
Ida wird im Verlagsbeschrieb als «schelmisch» und ihre Geschichte als «farbig, lebendig und voller Schalk» bezeichnet. Wie haben Sie Ida während der Gespräche erlebt – welche Seite von ihr hat Sie besonders berührt?
Tatsächlich ihr Schalk, der trockene Humor und dass sie dem Leben mit einer gewissen Gelassenheit gegenübertritt. Erst kürzlich habe ich sie angetroffen, wie sie mit ihrem Rollator zum Bahnhof unterwegs war. Auf meine Frage, wohin sie gehe, antwortete sie mit «à l’aventure». Ihr BüGa sei nur noch drei Tage gültig, deshalb müsse sie dieses noch etwas herausfahren.
Sie sind studierter Maschinenbauingenieur, haben sich später für ein Leben als Landwirt entschieden und sind gleichzeitig seit über 30 Jahren als Journalist tätig. Was hat Sie dazu bewogen, einen so ungewöhnlichen beruflichen Weg einzuschlagen?
Ich habe auf dem Hof, den ich gekauft habe und jetzt bewirtschafte, vor rund 25 Jahren Zivildienst geleistet. Mir haben Arbeit und Gegend so gut gefallen, dass ich mich dazu entschloss, bei diesem Bauer einzusteigen. Er war damit einverstanden und auch meine Partnerin Rebekka war bereit, mit mir vom Unterland ins Engadin zu ziehen. Jedoch unter der Bedingung, dass sie nicht auf dem Hof arbeite. Was gut war, denn für zwei hätte der Betrieb zu wenig abgeworfen. Das war ein Experiment und auch nicht für die Ewigkeit gedacht. «Schauen wir mal, wie’s geht und wie lange», war unser Gedanke.
Ihr Weg führte Sie vor rund 25 Jahren vom Aargau nach Lavin und man kann Sie als «Aussteiger-Landwirt» bezeichnen. Was hat Sie damals am Leben im Engadin gereizt – und würden Sie sich selbst überhaupt als Aussteiger bezeichnen?
Ich würde mich nicht als Aussteiger bezeichnen, da ich immer arbeiten musste – eher als Umsteiger. Zu Beginn habe ich nicht genau gewusst, wie das Leben im Engadin sein wird. Mittlerweile weiss ich es und mir gefällt, dass das Tempo nicht ganz so hoch ist, wie im Unterland. Dass die Leute einen pragmatischen Blick auf das Leben haben und man auch noch Dinge tun kann, die nicht mehr überall möglich wären.
Ida Spinnler blickt auf 102 Jahre zurück. Sie selbst haben ebenfalls schon einige Lebensstationen hinter sich. Hat die Begegnung mit Ida und die Arbeit an «Randulina» Ihren eigenen Blick auf Ihr Leben und Ihre Geschichte verändert?
Nicht unbedingt – würde ich sagen, oder sagen wir – ein wenig. Ich versuche, so offen wie sie zu sein, und dankbar für jeden Tag, den ich und meine Liebsten gesund und zufrieden erleben dürfen.