Ihre Gedichte im Jahreskalender 2026 der PEM Energia Val Müstair und der Energia Engiadina begleiten viele Menschen Monat für Monat. Wie ist es für Sie, wenn Ihre Worte nun durch das ganze Jahr in den Haushalten gelesen werden?
Es ist für mich eine Ehre und grosse Freude. Ich habe versucht, für jeden Monat das passende Gedicht zu schreiben. Zum Beispiel im Februar zur Fasnacht, «la mascrada», oder im März das Gedicht «Chalandamarz». Der Kalender ist mit eindrucksvollen Bildern von den Fotografen Ivan Tschenett, J.A. Taisch sel. und Mayk Wendt versehen. Es wäre natürlich schön, wenn der Kalender in den Stuben hängen und nicht sofort im Altpapier landen würde.
Sie schreiben Gedichte, Liedtexte und Geschichten und sind zudem Chefredaktor bei der Talzeitung «Mas-chalch». Wann haben Sie mit Schreiben begonnen und warum ist es so wichtig für Sie?
Ich habe schon als junger Bub Gedichte geschrieben, genauer gesagt, meine ersten Versuche gemacht. Später habe ich die Chalandamarz-Gedichte für die Primarlehrer von Lü und von Fuldera geschrieben. Als ich vor 23 Jahren zusammen mit Aldo Giacomelli das Gesangsduo «Ils Jauers Arno & Aldo» gründete, habe ich angefangen, eigene Lieder mit Text und Melodie zu komponieren. In den vergangenen zwei Jahrzehnten sind so über 100 eigene Lieder entstanden.
Sie schreiben meistens auf Romanisch. Was bedeutet Ihnen diese Sprache persönlich, und warum ist es Ihnen wichtig, sie in Ihren Texten zu verwenden?
Romanisch ist meine Muttersprache, die ich sehr liebe und mit der ich mich am besten ausdrücken kann. Das Romanische ist ein Kulturgut mit einem grossen, schönen Wortschatz. Es ist für mich ein Bedürfnis, meine Texte auch mit Worten zu schreiben, die im Alltag wenig gebraucht werden. So kann ich dazulernen, und mein persönlicher Wortschatz wird grösser und vielfältiger.
Ihre Texte sind stark im Val Müstair verankert. Beobachten Sie bewusst Landschaft, Menschen, Alltag – oder entstehen die Texte eher aus Erinnerungen heraus?
Ich würde sagen: ein bisschen von allem. Gute Gedanken für neue Gedichte und Lieder finde ich meist in der freien Natur, beim Wandern oder auf der Jagd. Aber auch Augenblicke des Alltags, insbesondere die Beobachtung von Menschen, spielen eine Rolle. Oft ist es zudem so, dass Anekdoten oder Erzählungen aus vergangenen Zeiten mir die nötige Inspiration für ein neues Gedicht oder ein neues Lied geben.
In Ihrem Buch «Ischea è’la – nossa vita in Val» haben Sie Gedichte, Lieder und Geschichten zusammengeführt. Was war der Auslöser für dieses Buch, und was soll es bewirken?
Hans-Peter Schreich, ehemaliger Archivar der Biblioteca Jaura, kam auf mich zu und fragte mich, ob ich interessiert wäre, ein Buch mit meinen Werken herauszugeben. Er sagte mir, dass mich die Biblioteca Jaura und die Biosfera Val Müstair dabei unterstützen würden. Über diesen Vorschlag habe ich mich sehr gefreut, und so konnte ich im Jahr 2021 mein erstes Buch herausgeben. Möglich war dies jedoch nur dank des grossen Engagements von Hans-Peter Schreich. Wenn das Buch gelesen wird, hoffe ich, dass ich damit einen Beitrag zur Erhaltung der romanischen Sprache und Kultur leisten kann.
Neben dem Schreiben ist die Musik eine weitere Ausdrucksform. Sie musizieren und komponieren schon viele Jahre als Teil des Duos «Ils Jauers». Was drücken Sie mit der Musik aus, was mit dem Schreiben allein schwieriger ist?
Einen Text zu schreiben, ist das eine, eine Melodie zu komponieren, das andere. Für mich ist es wichtig, zum jeweiligen Text die passende Melodie zu finden: Zu einem emotionalen Text gehört eine ruhige, gefühlvolle und tiefsinnige Melodie, zu einem humorvollen Text eine lustige, amüsante. Wenn Text und Melodie gut zusammenpassen, bin ich mit meiner Komposition zufrieden. Ich versuche, Texte mit Sinn zu schreiben, und habe gemerkt, dass dies bei den Zuhörerinnen und Zuhörern gut ankommt.
Was hat Sie dazu bewogen, neben Ihrem Beruf und der Musik auch politische und öffentliche Verantwortung im Tal zu übernehmen?
Ich war 17 Jahre als Sekretär der Corporaziun regiunala Val Müstair (CRVM) tätig und von Anfang an in die Planung und Umsetzung der Talfusion involviert. Das Val Müstair ist meine Heimat und lag mir immer sehr am Herzen. Weil ich bei der Umsetzung des Fusionsprojekts aktiv mitwirken wollte, habe ich als Gemeindepräsident kandidiert. So wurde ich für zwei Amtsperioden von je vier Jahren gewählt.
Sie waren der erste Gemeindepräsident nach der Fusion der sechs Gemeinden. Was waren die grössten Herausforderungen in dieser Anfangszeit – und worauf sind Sie rückblickend besonders stolz?
Eine der grössten Herausforderungen war, die Bevölkerung von der Gemeindefusion zu überzeugen, besonders die ältere Generation. Zudem mussten die Gesetze, Reglemente und Verordnungen der sechs Gemeinden zusammengeführt werden, was viele Kommissions- und Vorstandssitzungen erforderte, bis die Dokumente von der Gemeindeversammlung oder durch Urnenabstimmung genehmigt wurden. Rückblickend bin ich besonders stolz auf das Langlaufzentrum in Furom – es war das erste Projekt der fusionierten Gemeinde und bereitet mir heute noch grosse Freude, wenn ich sehe, wie rege es genutzt wird.
Heute engagieren Sie sich als Präsident der Energia Val Müstair. Warum ist es Ihnen wichtig, dass das Tal seine Energiefragen möglichst selbst in der Hand behält?
Für mich ist die Energieversorgung ein zentraler Teil der regionalen Selbstbestimmung. Wenn das Val Müstair seine Energie möglichst selbst produziert und verwaltet, bleiben Wertschöpfung, Entscheidungskompetenz und Versorgungssicherheit im Tal – nachhaltig, unabhängig und im Einklang mit der lokalen Bevölkerung und der Natur.
Die Jagd ist Ihre Passion, und Sie sind Präsident des Jagdvereins Turettas. Was bedeutet Ihnen die Jagd – und was hat sie mit Respekt, Verantwortung und dem Leben im Tal zu tun?
Wenn Gott will, werde ich im September mein fünfundvierzigstes Hochjagdpatent lösen. Die Jagd ist für mich weit mehr als ein Hobby – sie bedeutet gelebte Verantwortung gegenüber Natur und Wild. Sie verlangt Respekt vor dem Leben, Achtsamkeit im Umgang mit der Umwelt und ein tiefes Verständnis für die Zusammenhänge im Tal. Als Jäger trage ich Verantwortung für ein ausgewogenes Miteinander von Menschen, Wild und Lebensraum – und damit für den Erhalt unserer Kulturlandschaft und Traditionen.
Wenn Sie Ihr vielfältiges Wirken betrachten: Was möchten Sie dem Val Müstair und der nächsten Generation mitgeben?
Das Val Müstair ist eine kleine und finanzschwache Gemeinde, auch nach der Talfusion. Wenn wir im Tal etwas erreichen wollen, müssen wir zusammenhalten, am gleichen Strick ziehen und in die gleiche Richtung arbeiten. Wird jedoch gegen jedes Projekt Rekurs eingelegt, kommt keine Entwicklung zustande, kein Fortschritt – das schadet der lokalen Wirtschaft. Wenn wir verantwortungsvoll handeln, Bewährtes bewahren und zugleich offen für Neues sind, schaffen wir eine lebenswerte Zukunft für kommende Generationen.
Das Buch «Ischea è’la – nossa vita in Val» sowie die CDs von «Ils Jauers Arno & Aldo» können unter der E-Mail-Adresse ar.lamprecht@bluewin.ch bestellt werden.