Rui Rocha im Dress der portugiesischen Eishockey-Nationalmannschaft samt Medaillen vom Development-Turnier.
Rui Rocha im Dress der portugiesischen Eishockey-Nationalmannschaft samt Medaillen vom Development-Turnier. © Jürg Wirth

In Portugals Hockey-Nationalmannschaft

Jürg Wirth Momentan stellt das Unterengadin drei Eishockey-Nationalspieler: Fabian Ritzmann, Rui Rocha und Fabio Rebelo Teixeira. Ritzmann spielt für die Schweiz, Rocha und Rebelo für Portugal.

Rui Rocha empfängt mich in seinem Haus mitten in Ardez. Ein Garten sei das vorher gewesen – in der Bauzone. Er konnte den Garten kaufen und hat gemeinsam mit einer Architektin seinen Traum vom eigenen Haus verwirklicht. Nun wohnt er da mit Frau und Tochter. Viele Arbeiten hat er selber ausgeführt und geplant, denn Rui ist ausgebildeter Baupolier und hat deshalb Mitte Januar auch Zeit für ein Treffen, weil er noch nicht arbeiten muss. Im Wohnzimmer im obersten Stock läuft das Zweitrundenspiel von Stan Wawrinka an den Australian Open. Auf dem Tisch liegt das Shirt der portugiesischen Nationalmannschaft, mit langen Ärmeln und der Nummer 96 statt der 7. Es ist kein Fussballshirt, sondern dasjenige der Eishockey-Nationalmannschaft, und es gehört Rui Rocha. Seit 2019 tritt er für die Auswahl seines Heimatlandes an. Olympia ist aber kein Thema, denn Portugal spielt vorerst nur an sogenannten Development Tournaments, also Entwicklungsturnieren. Gegner dort sind Kolumbien, Brasilien, Argentinien, Nordmazedonien und Irland. Nicht unbedingt klassische Eishockeynationen.

Rui Rocha auf dem Mannschaftsfoto, zweiter von links unterste Reihe.
Rui Rocha auf dem Mannschaftsfoto, zweiter von links unterste Reihe. © zvg

Gelernt in Scuol

Dass Rui im Engadin Hockey spielt, ist jetzt nicht so ungewöhnlich. Mit acht Jahren hat er in Scuol begonnen, sämtliche Juniorenabteilungen durchlaufen und bis 2022 sechs Jahre lang für die erste Mannschaft in der 2. Liga gespielt. Hockey ist seine grosse Leidenschaft, dafür gibt er alles. Auf dem Eis seien sie wie Brüder – im eigenen Team. Zu den Gegnern pflegt er eine gesunde Rivalität, hat aber durchaus auch Freunde in anderen Teams. Nicht unbedingt in Poschiavo oder Samedan, wie er schmunzelnd anmerkt. Und obwohl er Portugiese ist, bedeutet ihm Fussball nicht viel. Die Spieler würden viel zu viel am Boden liegen bleiben, auch der mit der Nummer 7.

Nach der Geburt seiner Tochter wollte er sportlich etwas kürzertreten und wechselte deshalb nach Zernez in die 3. Liga. Mittlerweile ist die Tochter bereits fünf und Rocha spürt wieder das 2.-Liga-Kribbeln – wenigstens ein bisschen. Denn momentan spürt er vor allem noch die Kreuzbänder im Knie, diese hat er sich vor knapp einem Jahr gerissen – am Development-Turnier in Andorra mit Portugal, just vor dem Finalspiel.

Gekämpft wird auch an den Development-Turnieren.
Gekämpft wird auch an den Development-Turnieren. © zvg

Spielen mit Portugal

Dass Portugal eine Eishockey-Nationalmannschaft hat, ist hingegen eher unerwartet. «Schuld» am Ganzen sei Jim Aldred, erzählt Rocha. Aldred ist ein ehemaliger AHL-Spieler, der dank der Liebe in Portugal heimisch geworden ist. Weil seine Liebe zum Hockey nur wesentlich kleiner war, begann er, ein Nationalteam auf die Beine zu stellen und spielte dort zu Beginn auch grad selbst mit. Irgendwann hörte Jim über Umwege von Rocha und kontaktierte ihn. Dieser glaubte erst an einen Scherz, sagte aber trotzdem zu für ein Turnier in Sion. «Das war ungefähr so wie die Sponsorenturniere jeweils in Scuol», ordnet er ein. Entsprechend tief waren seine Erwartungen bezüglich der Zukunft des Nationalteams. Doch er sollte sich täuschen, denn der portugiesische Wintersportverband nahm die Sache ernst und begann Geld zu investieren. Es folgte ein Plauschturnier in Granada und 2023 der erste Development-Cup in Bratislava. Richtig auf die Kappe bekommen hätten sie da, erinnert er sich ungern zurück. Tatsächlich landete Portugal mit null Punkten auf dem 5., sprich letzten Platz. Gewonnen hat das Turnier Liechtenstein, vor Argentinien, Kolumbien und Irland. Weil Rui nicht nochmals so ein Debakel erleben wollte, begann er für die Austragung von 2024 selber Spieler zu suchen und wurde unter anderem vor der Haustüre fündig, wo er Fabio Teixeiro Rebelo anwerben konnte, Teamstütze beim CdH Engiadina. Auch sonst kamen neue gute Spieler dazu, und Portugal schaffte es bis ins Finale gegen Irland, das dann allerdings 1:5 verloren ging. Ein Jahr später, in Andorra, gewann Puerto Rico vor Liechtenstein und Portugal, und Rocha riss sich das Kreuzband. 

Warten auf die Halle

Wie und wo trainieren sie denn eigentlich die Spieler der Landesauswahl? «Wir reisen jeweils vier bis fünf Tage vor den Turnieren an und trainieren dann ein paar Tage gemeinsam». Zusammenzüge in Portugal selber sind leider nicht möglich, weil in Lusitanien eine Eishalle fehlt. Und solange keine solche steht, hat das Nationalteam auch keine Möglichkeit, einmal bei den «Richtigen» und «Grossen» mitzuspielen, denn das darf nur, wer über eine entsprechende Eishalle verfügt. Noch hat Rui die Hoffnung nicht ganz aufgegeben, dass in Portugal dereinst noch eine solche gebaut wird, auch wenn es für ihn knapp werden dürfte. Ganz und gar noch nicht aufgegeben hat er seine eigene Hockeykarriere. Wohl verpasst er diese Saison wegen seiner Verletzung, plant jedoch seine Rückkehr auf die nächste Saison. Bis es so weit ist, geniesst er nun noch die arbeitsfreie Zeit gemeinsam mit Frau und Kind im eigenen Haus in Ardez.

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