Wie alt ist das jüngste Denkmal?
30 Jahre und passend zu unserem Thema: das Themengebäude von Peter Zumthor in Vals von 1994/96. Dieses hat die Bündner Regierung als weltweit bedeutenden Bau schon vor Jahren recht schnell unter kantonalen Schutz gestellt.
Wie wird ein Bauwerk zum Denkmal?
Das wird im kantonalen Natur- und Heimatschutzgesetz definiert (KNHG Art. 4): «Es muss von hohem wissenschaftlichem, kulturellem und heimatkundlichem Wert sein.» Eine Unterschutzstellung kann durch die Gemeinde über den Generellen Gestaltungplan oder durch den Kanton mittels Regierungsbeschluss erfolgen.
Weshalb sind Denkmäler wichtig?
Sie sind Zeugen und Teil unserer kulturellen Identität. Für uns als Bewohner und Nutzer dieser Gegend und auch für den Tourismus – wie ganz offensichtlich beispielsweise die Unterengadiner Dörfer. Das können Landschaften, Dörfer, Gebäudegruppen oder einzelne Bauten oder technische Denkmäler wie die Rhätische Bahn in der Landschaft Albula-Bernina (UNESCO-Welterbe) sein.
Können Denkmäler auch wieder «entlassen» werden?
Ja, im Prinzip durch dieselben «Akteure» wie bei einer Unterschutzstellung, also Gemeinde oder Regierung. Das geschieht leider vor allem beim Abgang eines Objektes durch Zerstörung wie Brände, Lawinen oder Hochwasser. Ein Beispiel ganz in der Nähe ist die Punt Veidra zwischen Ardez und Aschera. Obwohl schon Mitte 70er-Jahre ein Hochwasser die alte Holzbrücke zerstört hat, hat die Gemeinde Ardez den Schutzeintrag im Plan nie gelöscht. Das wird jetzt bei der Bereinigung der neuen Pläne der Fusionsgemeinde Scuol nachgeholt.
Freuen sich die Leute, wenn Sie auf der Baustelle erscheinen?
Die Bauhoheit innerhalb der Bauzone liegt in Graubünden ausschliesslich bei den Gemeinden. Diese bestimmen, wie es läuft und entscheiden. Die kantonale Denkmalpflege ist vor allem beratend tätig, als Dienstleistung des Kantons an die Gemeinden. In den meisten Fällen fragen mich Eigentümer, Architekten oder Interessierte an, vielfach auch Baubehörden als Fachmann und Vermittler. Kurzum: ich werde meist eingeladen, und viele sind neugierig darauf, was ich zu ihrem Haus oder Anliegen weiss und sage, unabhängig davon, ob sie dann dieselben Schlüsse ziehen. Vielfach geht es aber auch um ganz banale Probleme wie Rechte und Pflichten als Besitzer und Gemeindeglied, um Bauphysik und Energie oder um mit einem Altbau schlicht nicht erfüllbare Standardvorgaben und Prozeduren.
Wie erklären Sie ihnen, weshalb sie ein «Denkmal» haben?
Das ist meist längst festgelegt und allen bewusst – und wie vorerwähnt, in Graubünden höchst selten «von oben herab». Gerade im Engadin gibt es aus den 70er- und 80er-Jahren sehr umfassende und verständliche Erhebungen zu den einzelnen Dörfern und Bauten, teils auch schön publizierte Siedlungsinventare, auf welche sich die Festlegungen in den kommunalen Ortsplanungen stützen. Und an den Gemeindeversammlungen zur Ortsplanung hat offensichtlich jeweils auch die Mehrheit der Hauseigentümer für den Erhalt und Schutz ihres schönen Ortes und die entsprechenden Bestimmungen gestimmt, sonst würden diese ja gar nicht umgesetzt. Als Bauherr im eigenen Haus steht man dann zum Teil mit anderen Aspekten und in einer anderen Rolle in diesem Spannungsfeld.
Was ist denn trotzdem noch möglich, wenn das eigene Haus unter Denkmalschutz steht?
Das hängt vom Objekt und der Situation ab, in welcher es steht. In der Regel gilt es, die grundlegende Baustruktur und die für das Gebäude wichtigen historischen Bauteile zu erhalten, aber auch den Bezug im Dorfgefüge wie wichtige Elemente der Umgebung, zum Beispiel Garteneinfriedung oder Brunnen, die unsere Dörfer charakterisieren. Es gibt auch unter diesen Parametern immer wieder zeitgemässe, erstaunlich kreative und eigenständige Lösungen, die ein Gebäude oder Dorf bereichern.
Es könnte ja allenfalls auch positiv sein, die Trinkhalle Scuol steht unter Denkmalschutz, hilft das bei der Rettung?
Ja, sicher. Bei solchen Objekten wird das fast schon als zwingendes «Label» für die Bedeutung des Objektes und die Sammlung von Finanzmitteln angesehen und ist – nicht zu vergessen – meist eine zwingende Voraussetzung für die nötigen Erleichterungen und Ausnahmen für alle (un)möglichen, auf Neu- und Ersatzbauten zugeschnittenen Regeln. Die Gemeinde Scuol hat daher bereits vor zehn Jahren bei der Bündner Regierung die Unterschutzstellung dieser einmaligen Zeugen unserer Tourismusgeschichte und der Bäderkultur von Schuls-Tarasp veranlasst.
Macht eine solche Rettung überhaupt Sinn, so viel Geld investieren für Lesungen und Events, die nachher dort stattfinden sollen?
Der Kostenvoranschlag für das ganze Ensemble beläuft sich auf etwas über 15 Mio. Franken. Darin sind auch das Carola-Gebäude mit einer Mio. und die Quellsanierungen mit über zwei Mio. Franken enthalten. Ebenso der neue Infrastrukturteil im Osten mit etwa 3,5 Mio. Die Restaurierung der grossen Büvetta mit ihrer einmaligen Trink- und Wandelhalle schlägt folglich etwa mit der Hälfte zu Buche. Anzumerken ist, dass die Sicherung der Innufer, die Hangsicherung und die Quellsanierungen auch ohne Restaurierung der grossen Büvetta anstehen und umgesetzt werden müssten, ebenso der nötige Unterhalt des Carola-Gebäudes. Mit dem vorliegenden Gesamtprojekt können all diese Arbeiten zielgerichtet und koordiniert angegangen und umfangreiche Unterstützungsbeiträge dafür ausgelöst werden.
Im Gegensatz dazu steht fast ganz Vulpera leer, könnte man auch dort retten?
Vulpera wirkt heute als ein abgelegener, isolierter Weiler. Es fehlt nicht nur das Hotel Waldhaus, sondern eigentlich auch der Engadinerhof gegenüber auf Seite Scuol, um als Gast diese einmalige Kur- und Kulturlandschaft wahrzunehmen. Hier liegt ein riesiges Potential brach. Die ganze grosse Sonnenterrasse von Vulpera quasi auf dem Silbertablett. Wenn ich sehe wie viel Engagement weniger begünstigte Orte in sogenannte Leuchtturmprojekte stecken… Vor ein paar Jahren bot sich während eines kurzen Zeitfensters die Möglichkeit, einen grossen Teil dieses Resorts auf Seite Vulpera wieder unter einen Hut zu bringen. Aber die Zeit war vor Corona wohl noch nicht reif dazu.
Welches sind die nächsten Gebäude auf der Watch List?
Zum Bädertourismus und den Bauten in Nairs, Vulpera und am Stradun gehörten auch die verbindenden Spazierwege von Sotsass bis Bonifazius, die Alleen und die Kleininfrastruktur wie die kleinen Trinkbrunnen und Büvettas für die unterschiedlichen Wässer oder die Pissoirs und die Tanzsäle in Avrona und Florins. Vieles ist erhalten, das meiste auch durch die Gemeinde geschützt. Nebst geplanten Quellsanierungen im ganzen Gemeindegebiet laufen touristische Projekte wie die Quellwasserinszenierung, die teils vom Kanton über Mittel der Wirtschaftsförderung unterstützt werden, um diese dank des geologischen Unterengadiner Fensters einmalige Ausgangslage in Zukunft wieder stärker zu positionieren: «Destinaziun da Wellness daspö 1369».
Hat die Siedlung Tulai Chancen auf Denkmalschutz?
Das wird wohl die nächste Generation diskutieren und entscheiden. Auf jeden Fall ist diese ein charakteristischer Zeuge einer Epoche und von deren Zeitgeist.
Johannes Florin ist diplomierter Architekt ETH und hat mehrere Jahre bei Renzo Piano in Genua gearbeitet. Seit 2004 betreibt er gemeinsam mit Tabea Voigt ein Architekturbüro. Als Bauberater der kantonalen Denkmalpflege ist er unter anderem für die Gemeinden in der Osthälfte Graubündens und das UNESCO-Welterbe der Rhätischen Bahn zuständig. Nebenher engagiert er sich im Wohnort und für den Weinbau.