Eigentlich ist der Stradun in Scuol ein Kompromiss, so beschreibt es Paul Eugen Grimm in seinem Werk «Scuol, Landschaft, Geschichte, Menschen». Denn im Jahre 1860 lief die Diskussion über eine neue Strasse durchs Unterengadin und ob diese weiterhin über Guarda und Ftan führen sollte oder ob es nicht besser wäre, eine Talstrasse anzulegen. Die Promotoren des Kurhauses wie auch die Verantwortlichen der Gemeinde Scuol setzten sich stark für die Talvariante ein, welche dann auch den Vorzug erhielt. Die Frage blieb aber noch, wo diese die Gemeinde Scuol queren soll, durch Scuol Sot oder entlang der alten Reichsstrasse in Vi? Rasch zeigte sich, dass weder die eine noch die andere Variante für den modernen Kutschenverkehr geeignet war. So war der Weg frei für eine strikt horizontale, gerade und breite Poststrasse, mitten durchs Dorf. Der Stradun war geboren und lief den anderen beiden Strassen touristisch sogleich den Rang ab, diese fanden kaum mehr Erwähnung in der Werbung. Bereits 1887 wurde die Strasse in einem Bericht geradezu euphorisch beschrieben, denn entlang des Stradun waren bereits «stattliche, neue Bauten» entstanden, welche Dorf und Strassenbild prägten, so beispielsweise das Hotel Belvedere, das Hotel zur Post und das Hotel Schuls. Das Belvedere gibt’s heute noch, das Hotel Schuls heisst mittlerweile Quellenhof, nur das Post musste dem Coop weichen, welcher mittlerweile aber auch schon wieder gewichen ist, weiter runter am Stradun. Die Idee dazu hatte ein damals 18-jähriger Bürger aus Scuol, welcher mittlerweile im Gemeinderat sitzt und das Ressort Planung und Bau verantwortet.
Stöckenius von Anfang an
So nach und nach gesellten sich dann auch die Geschäfte und Verkaufslokale an den Stradun. Denn bis weit ins 19. Jahrhundert verlief der Verkauf vor allem durch fahrende Händler und Hausierer. 1841 wies ein Adressbuch erstmals zwei Läden nach: «Dorta, J.P. Spezerei, Eisen- und Messingwarenhandlung» und «Wieland und Comp.». Die Handlung von Wieland habe sich im Haus des Sindicaturs befunden, welches später zum Quellenhof umgebaut wurde. Mit dem Beginn des Kurbetriebs nahm dann die Zahl der Geschäfte rasch zu. Diese sind mittlerweile alle wieder verschwunden, bis auf eines: Die Papeterie und Spielwarenhandlung Stöckenius. 1898 eröffnete Daniel Stöckenius, gelernter Buchdrucker aus Kassel und unterwegs als Wandergeselle in Scuol, das Geschäft, welches bis heute im selben Haus existiert und mittlerweile in fünfter Generation betrieben wird. Nebst dem Haus Stöckenius stammen nur noch das Belvedere, der Quellenhof und die Villa Engiadina aus dieser Zeit. Wo einst der Bären-Komplex stand, liess Otto Augustin aus Sent durch den Architekten Beat Consoni das Center Augustin bauen. Ein Bau, der wohl polarisierte, jedoch als «Gute Baute Graubünden» ausgezeichnet wurde und heute zeitlos wirkt. Ob dies dereinst vom @-Center auch gesagt werden kann, bleibt zu bezweifeln, ist doch gerade die Rückseite des neuen Geschäftshauses keine Augenweide.
Ja, und dann kamen und gingen die Geschäfte entlang der Einkaufsmeile von Scuol, über deren Gestaltung man sich nie wirklich einig war. Schon lange gibt’s den Sport Heinrich, das Schuhhaus Wergles, den Bioladen, Hatecke oder Volg, den Snowboard-Shop Element sowie diverse Modeboutiquen. Benderer gibt’s zwar auch schon lange, aber dafür nicht mehr lange. Noch dieses Jahr soll Schluss sein mit dem Café und der Bäckerei. Ein Nachfolger steht eigentlich auf dem Posten, jedoch ist das Ganze noch nicht zu 100 Prozent spruchreif. Auch das Blumengeschäft von Kathrin Koch gibt’s nicht mehr, zurück geblieben ist ein leeres Lokal. Hier gibt’s ebenfalls Ideen für eine Wiederbelebung, aber diese sind eben noch in der Ideenphase. Der Unverpackt-Laden «Strietta» und das ehemalige Fotogeschäft Taisch stehen aus traurigen Gründen leer und deren Zukunft ist noch offen. Temporär zieren das ehemalige Fotogeschäft Bilder von Jachen Canal und Jolanda Zürcher und Seraina Taisch, Besitzerin möchte das Lokal verkaufen.
Mit dem Chasa Plavna der Belvedere-Gruppe entsteht auf dem Areal des ehemaligen Coop und des Centers Alpin ein gänzlich neues Geschäftshaus mit Deli-Bistro, Jon-Sport, Kinderland und Spielspass samt Ferienwohnungen. Die Eröffnung ist für Dezember 2026 geplant.
Dereinst verkehrsfrei?
Was aber ganz sicher bleiben wird, sind die Diskussionen über die Gestaltung und Ausrichtung des Stradun. Diese halten schon eine ganze Weile an, denn bereits 1970 schlug eine Situationsanalyse vor, den Stradun zum Kurort-Boulevard zu machen, zu einer eigentlichen Flaniermeile. Dies, nachdem die Umfahrungsstrasse eröffnet wurde und der Stradun eigentlich vom Verkehr hätte entlastet werden sollen, was damals aber nicht zur Gänze der Fall war.
Auch heute diskutiert man immer mal wieder über einen verkehrsfreien Stradun, ist aber noch zu keinem Ziel gekommen. Vielleicht könnte hier ja auch ein Kompromiss Abhilfe schaffen, ein zur Hälfte autofreier Stradun. Zum Beispiel zwischen Center Augustin und @-Center, denn dort an den jeweiligen Enden der zukünftigen Fussgängerzone befänden sich Tiefgaragen und grosszügige Parkierungsmöglichkeiten. Denn wie war das schon wieder mit dem Stradun? Genau der war schon immer ein Kompromiss.