Nebst Weihnachten ist Ostern das grösste Fest der Christenheit. Ist Weihnachten gemäss den Lehren vieler christlicher Glaubensrichtungen der Geburt Jesu gewidmet, so gedenkt man zu Ostern seiner Auferstehung. Der Karfreitag gilt als Gedenktag der Hinrichtung Jesu. Vor seinem Tode versammelte Jesus seine Jünger zum letzten Abendmahl. In katholischen Gemeinden verstummen nach dem Gloria am Gründonnerstag bis zur Osternacht die Kirchenglocken und Orgeln aus Trauer über den Tod Jesu. Die Bedeutung dahinter steht für Stille, Leere und Innehalten zwischen Tod und Auferstehung.
Damit die Gebetszeiten trotzdem hörbar bleiben, ist es in einigen katholischen Gemeinden im Unterengadin, Val Müstair und Samnaun Tradition, dass Buben und Mädchen der 9. Klasse mit Holzrätschen – im Romanischen werden sie «sgrizias» genannt – die Aufgabe der Glocken übernehmen. Diese klingen absichtlich rau, hart und unmelodisch und passen damit zur düsteren Stimmung des Karfreitags. Zu bestimmten Gebetszeiten ziehen die Jugendlichen mit den Rätschen durch die Dörfer. Sie werden angehalten, ihre Aufgabe ernst und gemessen auszuführen und sich an Zeit und Route zu halten.
Mehr als ein Ersatz
Die Rätschentradition ist mehr als nur Ersatz für die Kirchenglocken und auf mehreren Ebenen bedeutungsvoll: Liturgisch ist sie der Ruf zum Gebet trotz Glockenstille, symbolisch spiegelt das unharmonische Geräusch Leid und Tod wider und kulturell ist sie Teil der rätoromanisch-katholischen Identität. Auf der gemeinschaftlichen Ebene sind es die Kinder, die sichtbar Verantwortung für das Dorfleben übernehmen.
Das Ende der Stille
In der Osternacht kehren die Glocken mit dem Gloria plötzlich und feierlich zurück – laut und überwältigend. Nach Tagen der Trauer wird die Auferstehung hörbar gemacht. Das erste Geläut nach der Stille gilt als besonders segensreich – viele ältere Leute sagen, man könne Ostern zuerst mit den Ohren wahrnehmen.