Stängel-Blattschneiderbiene mit Blatt als Baumaterial auf dem Anflug zum Nest.
Stängel-Blattschneiderbiene mit Blatt als Baumaterial auf dem Anflug zum Nest. © Gian Reto Marugg

Wildbienen und Pflanzen – ein Zusammenleben auf engstem Raum

Angelika Abderhalden, UBEVM Die teilweise verborgen lebenden Wildbienen bereichern unseren Lebensraum und tragen zur Bestäubung der Obstbäume, Gemüse- und Wildpflanzen bei. Einige von ihnen benötigen spezielle Pflanzen und Habitate um zu überleben.

In der Schweiz leben etwa 620 Wildbienenarten, zu denen auch die Hummeln gehören. Sie haben sehr unterschiedliche Ansprüche an ihren Lebensraum. So benötigen sie strukturreiche Flächen für ihre Nistplätze und ein grosses Angebot an Pflanzen zur Nahrung und als Baumaterial. Etwa die Hälfte der Wildbienen legen ihre Brutzellen in selbstgegrabenen Hohlräumen im Boden an. Ein Viertel nutzt bestehende Hohlräume, seien das hohle Pflanzenstängel, Totholz oder Fels- und Mauerspalten. Das letzte Drittel macht es ähnlich wie der Kuckuck und legt die Eier in Brutzellen von anderen Arten ab. Deshalb werden sie auch Kuckucksbienen genannt.

Da Wildbienen meist einzeln leben und geringe Flugdistanzen zwischen Nahrungs- und Nisthabitaten benötigen, sind sie auf eng vernetzte Lebensräume angewiesen.

Wildbienen lassen sich sehr gut aus der Nähe beobachten, da sie nicht aggressiv sind und nur stechen, wenn sie bedroht werden. Sie leisten zusammen mit den Honigbienen, Tagfaltern und weiteren Insekten einen Grossteil der Bestäubung, die für die Nahrungsproduktion für uns Menschen entscheidend ist.

Im Folgenden werden zwei Untersuchungen zu Wildbienen im Unterengadin vorgestellt. Die erste widmete sich der Wildbienenvielfalt in den Obstgärten von Scuol bis Ramosch. Die zweite untersuchte die Verbreitung der sehr seltenen Stängel-Blattschneiderbiene.

Zottige Felsenbiene (Osmia villosa)
Zottige Felsenbiene (Osmia villosa) © Nicolina Marugg

Wildbienen in den Obstgärten des Unterengadins

In acht Obstgärten mit einer Fläche von je 50 bis 150 Aren, wurden die Wildbienenarten erfasst. Insgesamt konnten 101 verschiedene Arten bestimmt werden. Von diesen nisten 38 Arten im Boden. 33 Arten nutzen Hohlräume über dem Boden, wie hohle Pflanzenstängel. 13 Arten legen ihre Nester nahe an der Bodenoberfläche an und die verbleibenden 17 Arten gehören zu den Kuckucksbienen. Drei der gefundenen Arten legen ihre Brutzellen in leeren Schneckenhäuschen an. Sie gehören zur Familie der Mauerbienen.

Pro untersuchten Obstgarten wurden zwischen 24 und 46 Wildbienenarten nachgewiesen. Darunter 10 Arten, die gemäss der Roten Liste als gefährdet oder ausgestorben gelten. Sehr erfreulich war der hohe Anteil an oberirdisch nistenden Wildbienenarten, da diese nur in Gebieten mit guten Lebensraumstrukturen vorkommen. Dies zeigt, dass das Angebot an Kleinstrukturen in den untersuchten Obstgärten noch sehr gut ist und die Nähe vom Neststandort zu den Nahrungsressourcen und dem benötigten Material für den Nestbau optimal sind. Der Anteil an Totholz trug ebenfalls zur hohen Artenzahl bei. In diesem fanden die Wildbienen entweder in Käferbohrlöchern oder in selbstgenagten Gängen im morschen Holz Nistmöglichkeiten. Zusätzlich ist das reiche Blütenangebot der heimischen Wildpflanzen und einer Vielzahl der Gemüsepflanzen vom Frühjahr bis in den Spätsommer sehr wichtig. Selbst sehr kleine Flächen mit Wildpflanzen tragen schon zu einer Förderung der Wildbienen bei. Das angetroffene Nebeneinander von Kleinstrukturen, wie Mauern oder offenen Bodenstellen ist entscheidend. Die nicht versiegelten Flächen um die Brunnen oder unbefestigte Wege sind neben den Wildbienen auch für viele weitere Tiere, z.B. Schwalben, sehr wichtige Lieferanten von Baumaterial für ihre Nester.
Mit Hilfe des Projekts konnten für weniger vielfältige Obstgärten einfache Fördermassnahmen, wie z.B. das Stehenlassen von Altgras und Totholz, definiert werden.

Rosettenblätter des Riesen-Haarstrangs (Peucedanum verticillare)
Rosettenblätter des Riesen-Haarstrangs (Peucedanum verticillare) © Angelika Abderhalden
Markierte Engelwurz (Angelica sylvestris)
Markierte Engelwurz (Angelica sylvestris) © Angelika Abderhalden
Von der Stängel-Blattschneiderbiene genagtes Loch im Stängel einer markierten Engelwurz.
Von der Stängel-Blattschneiderbiene genagtes Loch im Stängel einer markierten Engelwurz. © Angelika Abderhalden

Förderung der Stängel-Blattschneiderbiene (Megachile genalis)

Im Unterengadin fliegt und lebt diese kleine Wildbiene noch an verschiedenen Orten zwischen Scuol und Martina und über die Landesgrenze hinaus. Die Stängel-Blattschneiderbiene ist eine der seltensten Wildbienenarten der Schweiz. Sie kommt nur im Kanton Graubünden und an wenigen Orten in der Nordschweiz vor. Das Albulatal beherbergt die grössten Bestände. Im Gebiet der Ruinalta und im Domleschg finden sich ebenfalls Standorte. Mitarbeitende des Parc Ela entwickelten für diese Wildbiene einen Aktionsplan, dessen Umsetzung im Unterengadin durch Mitarbeitende der Stiftung Pro Terra Engiadina erfolgt.

Die Stängel-Blattschneiderbiene ist mit 10-14 mm Länge eine eher kleine Wildbiene. Sie legt die Nester vor allem in den frischen Stängeln des Riesen-Haarstrangs (Peucedanum verticillare) sowie auch der Engelwurz (Angelica sylvestris) an. Beide Pflanzen sind bis zu 2 Meter hoch und ähneln dem als invasiven Neophyten bekannten Riesen-Bärenklau (Heracleum mantegazzianium), weshalb manchmal die Nester der Wildbiene zerstört werden. Daher sollte man grosse, dem Riesen-Bärenklau ähnliche Pflanzen erst genauer ansehen, bevor man sie entfernt. Seit letztem Jahr wurden Standorte, die bereits bekannt waren und weitere potentielle Standorte aufgesucht. Vielleicht ist jemandem in der Nähe der Strasse schon einmal ein mit einem grünen Bändchen markierter Riesen-Haarstrang oder eine Engelwurz aufgefallen. Dann war es eine Pflanze, in deren frischen, hohlen Stängel die Stängel-Blattschneiderbiene ein Nest mit 6 – 7 Brutzellen angelegt hat. Ende Frühsommer schlüpfen daraus die jungen Wildbienen. Bereits 2025 konnten einige neue Standorte entdeckt werden. Die Problematik besteht darin, dass diese sich sehr häufig entlang der Strassen und Wege befinden und daher manchmal Pflegeaktionen zum Opfer fallen. Die Zuständigen bei den Gemeinden und beim Tiefbauamt im Unterengadin sind jedoch sehr kooperativ. Ab diesem Jahr werden entlang der Strassen Abschnitte mit wertvollen Neststandorten der kleinen Wildbiene geschützt.

Info: Von Juni bis September zeigt die UNESCO Biosfera Engiadina Val Müstair im Bogn Engiadina Scuol die Wildbienen-Ausstellung «Unsere Mega». Diese konnten wir vom Parc Ela übernehmen. Am Sonntag, 7. Juni 2026 findet die Eröffnung mit einem Vortrag von Andreas Müller statt.

Engelwurz und Riesen-Haarstrang, beides potentielle Neststandorte der Stängel-Blattschneiderbiene.
Engelwurz und Riesen-Haarstrang, beides potentielle Neststandorte der Stängel-Blattschneiderbiene. © Nicolina Marugg

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