Bartgeier im Stilfserjoch Nationalpark: Die Eltern des ersten frei geschlüpften Bartgeiers im Nationalpark Stilfserjoch wurden im SNP ausgewildert.
Bartgeier im Stilfserjoch Nationalpark: Die Eltern des ersten frei geschlüpften Bartgeiers im Nationalpark Stilfserjoch wurden im SNP ausgewildert. © Andrea Pulvirenti

Grenzenloser Naturschutz

Julia Paterno, Christian Rossi, SNP In der Terra Raetica treffen drei Schutzgebiete mit unterschiedlichem Schutzstatus unmittelbar aufeinander. Zusammen bilden sie ein flächendeckendes, grenzüberschreitendes Schutzgebiet. Um die Zusammenarbeit zu stärken, initiierten der Schweizerische Nationalpark, der Naturpark Biosfera Val Müstair und der Nationalpark Stilfserjoch Anfang dieses Jahres das Interreg-Projekt MAP-Rezia.

Terra Raetica

Bereits zur Zeit der Römer bezeichnete man die kulturelle Gemeinschaft im Herzen der Alpen als Terra Raetica. Die Terra Raetica umfasste dabei Regionen in den aktuellen Ländern Schweiz, Italien und Österreich. Der Wunsch nach grenzüberschreitender Zusammenarbeit im Rätischen Dreieck besteht auch heute noch. Dies zeigt sich unter anderem durch diverse länderübergreifende Projekte.

Gleich und doch nicht ganz ...

Auch wenn der Schutzstatus der drei Schutzgebiete unterschiedlich ist, so verfolgen doch alle teilweise ähnliche Ziele. Zentrale Aspekte für alle drei Gebiete sind die Durchführung von Forschungsprojekten, das Monitoring der Biodiversität und die Durchführung von Projekten zur Umweltbildung. Im Naturpark Biosfera Val Müstair und im Nationalpark Stilfserjoch steht zudem der Schutz der Landschaft als Zeugnis des Zusammenspiels zwischen natürlichen Ökosystemen und traditionellen menschlichen Aktivitäten im Fokus. Aber auch die sozialverträgliche touristische Nutzung ist ein wichtiges Thema. Im Schweizerischen Nationalpark (SNP) hingegen ist der Totalschutz das oberste Ziel. Natürliche Prozesse können sich hier frei entfalten. Der Mensch ist lediglich stiller Beobachter.

Natur kennt keine Grenzen

Der SNP ist mit seinen 111 Jahren das älteste Schutzgebiet, sowohl in der Region als auch alpenweit. Knapp gefolgt vom Nationalpark Stilfserjoch, der in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag feiert. Der Naturpark Biosfera Val Müstair hingegen ist noch recht jung. Erst vor 14 Jahren erhielt er sein Label. Die Gesamtfläche der drei Schutzgebiete erstreckt sich über beinahe 1800 km2 Fläche. Zusammen sind sie fast so gross wie die kanarische Insel Teneriffa. Ein zusammenhängendes Schutzgebiet in dieser Grösse stellt heutzutage in Europa eine Seltenheit dar. In Zeiten, in denen die Zerschneidung der Landschaft in aller Munde ist, sind Schutzgebiete zunehmend isoliert und dicht umgeben von landwirtschaftlichen oder urbanen Gebieten. Durch den verringerten zur Verfügung stehenden Lebensraum sinken die Populationsgrössen vieler Arten auf ein Minimum und ihr langfristiges Überleben ist gefährdet. Um dem entgegenzuwirken, braucht es entweder die Vernetzung vieler kleiner geschützter Gebiete oder ein grosses Gebiet, in dem sich die Natur ungestört entwickeln darf. Auch Arten mit ausgedehnten Streifgebieten sind auf grosse, zusammenhängende Schutzgebiete angewiesen. So wechseln Rothirsche aus Taufers (IT) für die Sommerfrische in den SNP und im SNP ausgewilderte Bartgeier brüten erfolgreich in Bormio (IT). Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit mitten im Herzen der Alpen ist also grundlegend für den Naturschutz und den Erhalt der Biodiversität in der Region.

Gemeinsam stark

Um Arten über Landesgrenzen hinweg schützen zu können, machen der SNP, der Naturpark Biosfera Val Müstair und der Nationalpark Stilfserjoch gemeinsame Sache. Anfang dieses Jahres starteten die drei Pärke das Interreg-Projekt «Monitoraggio della biodiversità nelle Aree Protette della Rezia», kurz MAP-Rezia. Das Ziel des Projekts ist es, die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Rätischen Dreieck zwischen Italien und der Schweiz zu fördern. Der Fokus liegt dabei vor allem auf den Bereichen Biodiversitäts-Monitoring, Schutzgebiets-Management und Kommunikation. Die drei Pärke führen gemeinsame Workshops durch, erarbeiten ein neues Bildungsangebot, harmonisieren Monitoring-Daten und fördern aktiv den regen Informationsaustausch. Das Projekt zeigt, wie Naturschutzgebiete voneinander profitieren können und dass Naturschutz über Grenzen hinweg möglich und sinnvoll ist. Ein erstes Fazit bestätigt: Tiere kennen keine menschengemachten Grenzen, wie die Bilder unserer Fotofallen auf der Fuorcla Trupchun zeigen: Die Steinböcke wandern exakt dem Grenzgrat entlang.
Das Projekt wird von der Europäischen Union, dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung, dem italienischen Staat, dem Rotationsfonds, der Schweizerischen Eidgenossenschaft und den Kantonen im Rahmen des Kooperationsprogramms Interreg VI-A Italien-Schweiz kofinanziert.

Dieser Schnappschuss einer Fotofalle zeigt einen Steinbock während seiner Grenzwanderung auf der Fuorcla Trupchun.
Dieser Schnappschuss einer Fotofalle zeigt einen Steinbock während seiner Grenzwanderung auf der Fuorcla Trupchun. © SNP
Übersichtskarte der beteiligten Schutzgebiete am Projekt MAP-Rezia.
Übersichtskarte der beteiligten Schutzgebiete am Projekt MAP-Rezia.

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