Der Abbruch oberhalb Sta. Maria in Richtung Umbrailpass «il S-charp da Schais» ist vom Dorf aus gut sichtbar.
Der Abbruch oberhalb Sta. Maria in Richtung Umbrailpass «il S-charp da Schais» ist vom Dorf aus gut sichtbar. © Uffizi forestal Val Müstair

Der Gips von Sta. Maria für das Kloster Marienberg

Annelise Albertin Die Hinweise zu dieser Geschichte stammen von Claudio Gustin aus Sta. Maria – einem profunden Kenner der Dorfgeschichte. Sie führen zurück ins 17. Jahrhundert und zu einem besonderen Kapitel regionaler Zusammenarbeit – auch über Grenzen hinweg. 

Sta. Maria gilt als besonderes Dorf: «Wir wissen in der ganzen Schweiz von keinem gleichermassen markanten Kreuzdorf wie Sta. Maria im Münstertal», schrieb seinerzeit der Journalist Willy Zeller. Tatsächlich folgen die Häuserzeilen hier sowohl der Strasse zum Ofenpass als auch zum Umbrail – ein Dorf an der Schnittstelle von Wegen und Geschichten. 

Eine dieser Geschichten führt hinauf zur sogenannten Schaisscharte oberhalb von Sta. Maria. Im lokalen Sprachgebrauch lebt sie bis heute weiter: In Sta. Maria sagt man «gess» für Gips, in Müstair «giais». Daraus entwickelte sich der Name «Schais», und der Abbruchort heisst romanisch «S-charp da Schais». 

Dieser Gips war im 17. Jahrhundert von grosser Bedeutung – nicht nur lokal, sondern auch über die Grenze hinweg im Vinschgau. Denn beim Umbau der Kirche des Klosters Marienberg in Burgeis im Vinschgau war man auf genau dieses Material angewiesen. Die Gemeinde Sta. Maria stellte den Gips zur Verfügung – offenbar unentgeltlich, wie die Quellen zeigen. 

Der damalige Abt Jakob Grafinger hielt die Ereignisse in seinem Tagebuch fest (nachfolgend auszugsweise wiedergegeben):

20 Okt. 1642: «hab ich den B. Procurator gen S. Maria in das Münsterthal geschickt, Gips zu procurieren.» 
22 Okt. «Nachdem ich die Erlaubnis von der Gemeinde S. Maria erhalten hatte, schickte ich 6 Wagen um den Gips zu holen. Drei von unseren Patres begleiteten sie wundershalben. 
24 Okt. «Hab ich abermalen mit 7 Wagen lassen gyps heraus fieren, welliche abermalen 4 Patres aus fierwiz comitiert haben.» 

Auch im folgenden Jahr ging der Transport weiter:  
«13 Sept. 1643: «Wiederum schickte ich 3 Wagen um Gips in das Dorf S.Maria, den sie aus Freundlichkeit der Bauern uns überliessen.» 

Für diese Grosszügigkeit zeigte sich das Kloster erkenntlich – wenn auch bescheiden: 

Okt. 1643: «Ich schickte der Gemeinde von St. Maria zu einem Honorar zwei Yhren Wein (eine Yhre ca. 85 Liter) für den Gips, den sie uns freundlicherweise überliessen, und zwar umsonst für unsere Kirche.» 

Wie Claudio Gustin mit einem Augenzwinkern anmerkt, liessen sich die «onuraivels homens da Sa. Maria» den Wein aus den Rebbergen des Klosters Marienberg bestimmt wohl schmecken. 

Die Verbindung zwischen Sta. Maria, dem Kloster St. Johann in Müstair und dem Kloster Marienberg in Burgeis reicht ohnehin weit zurück. Das Kloster St. Johann, im 8. Jahrhundert unter Karl dem Großen als Mönchskloster gegründet, blickt auf über 1250 Jahre Geschichte zurück. Später wurde es ein Frauenkloster, während die Mönche möglicherweise ins Kloster Marienberg übersiedelten. 

Diese historischen Verbindungen sind bis heute spürbar – etwa im «Stundenweg», der einst die beiden Klöster verband. 

So erzählt der Gips von der Schaisscharte nicht nur von Bauarbeiten, sondern von Nachbarschaft, Austausch und gegenseitiger Hilfe über Täler und Grenzen hinweg. 

 

Die markante Kreuzform von Sta. Maria entstand dadurch, dass alle Häuser entlang der Hauptstrasse zum Ofenpass und der Strasse auf den Umbrail erbaut wurden.
Die markante Kreuzform von Sta. Maria entstand dadurch, dass alle Häuser entlang der Hauptstrasse zum Ofenpass und der Strasse auf den Umbrail erbaut wurden. © Andrea Badrutt

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